Wiener Schmäh
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Der Wiener Schmäh ist ein den Bewohnern Wiens eigentümlicher humoristischer Gemütszustand; oft auch etwas melancholisch, mitunter leicht grantelnd (misanthropisch), meist aber doch vor allem freundlich.
Worterläuterung
- Schmäh = Vortäuschung, Lüge, Witz
- am Schmäh halten = eine Person liebenswert lächelnd, hinterhältig in die Irre führen, auch etwas schönreden
- schmähstad = sprachlos, nicht (mehr) in der Lage, jemand anders am Schmäh zu halten
Definition
Der Wiener Schmäh ist ein emotionaler, humoristisch-verniedlichender, arglistig-böser, liebenswert-freundlicher, lebensbejahender und doch melancholischer Ausdruck der Wiener Seele. Wortwörtlich gemeint eigentlich sehr nett, im wahren Sinne aber sehr zynisch gemeint.
Er bedient sich des Wienerischen, einem aus der deutschen Umgangssprache der Vorstädte (Ansiedlungen außerhalb der Wiener Stadtmauer, der Ringstraße) hervorgegangenem Dialekt. Als Gast der Stadt kann man ihm heutzutage vor allem noch bei den Wiener Kellnern, Fiakern und Hausmeistern begegnen. Anfänglich war er der (sprachliche) Ausdruck der einfachen Bediensteten, Wäscherinnen, Prostituierten und Tagelöhner und ist gewissermaßen eine Haltung - eine oppositionelle Denkweise - im Ausdruck eine Gegensprache zum geraden, pseudo-höfischen Idiom-Deutsch der Groß- und Kleinbürger, der Politiker und der Geistlichkeit.
Der Wiener Schmäh fand Mitte des 19. Jahrhunderts (Biedermeier) Eingang in die Literatur, das Theater und die Musik.
Bekannte Vertreter:
- Ulli Bäer (Lied-Titel: Nur mit'n Schmäh)
- Georg Danzer
- Falco
- Jazz Gitti
- Ernst Hinterberger
- Paul Hörbiger
- Hans Moser
- Johann Nestroy
- Hermes Phettberg
- Ferdinand Raimund
- Lukas Resetarits
- Willi Resetarits (Ostbahn Kurti, Kurt Ostbahn)
- Heli Deinböck
- Erwin Steinhauer
- Stefan Weber
TV-Serien:
- Kottan ermittelt Wiener Krimi(-Parodie) von Helmut Zenker und Peter Patzak (1976-83)
- Kaisermühlen-Blues unterhaltsame Serie über das Leben im Wiener Stadtviertel "Kaisermühlen"
- Ein echter Wiener geht nicht unter Kultserie mit Karl Merkatz als "Edmund Sackbauer"
- MA 2412 österreichische Sitcom, in welcher das Klischee der "nichtstuenden, gut bezahlten Beamten" bedient wird
Ein anschauliches Beispiel
Eine Bestellung am Wiener Würstelstand im Wiener Schmäh:
"A Eitrige mit an Bugl, Zwiebalsüßkren und a 16er Blech von heraussn".
"Mit an Schaas und an Oaschpfeifn".
"Des Aluweckal, owa Dscheniffa!". Das Dosenbier, aber rasch!
Übersetzung
Eine heißgesiedete, kurz angebratene Krainer-Wurst mit Käse (Käsekrainer), einem Anschnitt-Stück Schwarzbrot, in Essig eingelegte Frühlings-Zwiebeln, süßem Senf, einer Portion frischgeriebener Meerrettich, und einer temperierten 1/2-Liter-Dose Ottakringer-Bier (Ottakring = 16. Wiener Gemeindebezirk; in diesem Bezirk befindet sich auch die gleichnamige Ottakringer Brauerei) keinesfalls aus dem Kühlschrank.
"Schaas" (auch "Kinderschaas") ist der Senf, und "Oaschpfeifn" verursacht der (eingelegte) Pfefferoni.
"Aluweckerl" ist eine Dose Bier. (Weckerl ein Brötchen). "Dschenniffa" bedeutet "rasch". (von Jennifer Rush)
Folgerung
Man bekommt trotzdem eine eiskalte Dose Bier. Diese wird unter leichtem Murren und hämisch-bösen Blickkontakt zum achselzuckend-lächelnden Verkäufer kurz in den Händen gehalten und trotzdem gleich getrunken. (Viele Bauarbeiter, Fiaker und Taxifahrer vertragen kein kaltes Bier - weil sie zuviel Kaffee trinken.)
Anmerkung
Die Schwierigkeit, die Nicht-Wiener und besonders Nicht-Österreicher mit dem Begriff "Schmäh" haben, liegt vor allem darin begründet, dass dieses Wort eigentlich mehrere Bedeutungen hat. So wie ein "Zug" sowohl eine Eisenbahn, ein Windhauch oder auch das Versetzen einer Figur auf dem Schachbrett bedeuten kann, ist "Schmäh" nicht gleich "Schmäh". Manchmal ist damit zwar eine "Lügengeschichte" gemeint ("Erzähl ma kane Schmäh!"), manchmal aber einfach nur Witze ("Mir homn in gonzen Obnd long Schmäh g'fiaht!"), dann wieder der Esprit einer gewitzen Person ("Da Fronz hot an leiwanden Schmäh!"), ein andermal vielleicht eine ironisierende, meist das Gegenteil ausdrückende Bemerkung ... sowie einige - fast widersprüchliche - Nuancen mehr. Am besten erfährt man diese jedoch durch einen (längeren) Wien-Aufenthalt.
Literatur
- Peter Wehle, Sprechen sie Wienerisch? Ueberreuter, ISBN 3800031655
- Im Hauptteil ein Wörterbuch "von Adaxl bis Zwutschkerl". Daneben enthält es etymologische Erklärungen die auf die Herkunft der Ausdrücke des Wienerischen eingehen, wie z.B. aus den Sprachen verschiedener Teile der Habsburgermonarchie.



