Vernunft
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Mit Vernunft als philosophischem Fachbegriff wird die Fähigkeit des menschlichen Geistes bezeichnet, universelle Zusammenhänge in der Welt und ihre Bedeutung zu erkennen und danach zu handeln - insbesondere auch im Hinblick auf die eigene Lebenssituation. Die Vernunft ist das oberste Erkenntnisvermögen, welches den „analytischen“ Verstand kontrolliert und diesem Grenzen setzt bzw. dessen Beschränkungen erkennt. Sie ist damit das wichtigste Mittel der geistigen Reflexion und das wichtigste Werkzeug der Philosophie. Dieses, als Diskussionsgrundlage immer noch maßgebliche Verständnis von Vernunft, steht in der Tradition der Philosophie Immanuel Kants.
Der Begriff „Verstand“ wird in Abgrenzung zur Vernunft dann verwendet, wenn ein Phänomen gesondert, abgetrennt von einem größeren Zusammenhang, betrachtet wird. In der Umgangssprache werden die beiden Begriffe allerdings nicht streng voneinander unterschieden.
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Bedeutung
Sowohl umgangssprachlich als auch in der Geschichte der Philosophie hat Vernunft mehrere Bedeutungen, die sich aber überschneiden.
Zum einen wird sie als die Grundlage für Erkenntnis und Erkenntnisgewinn betrachtet. Sie schafft die Voraussetzung für Erkenntnis, indem sie eine Systematik und einen Bezugrahmen für Wissen vorgibt. Von der Vernunft unterschieden wird gewöhnlich der Verstand als Erkenntnisvermögen oder als das Zusammenwirken vieler verschiedener kognitiver Fähigkeiten.
Zum anderen wird Vernunft in der Bedeutung von vernünftigem Handeln verwendet. In diesem Sinn begründet Vernunft eine normative, philosophische Ethik, die ohne eine Berufung auf andere Instanzen auskommt. Sie findet sich zum Beispiel bei Aristoteles als das rechte Maß oder bei Immanuel Kant als der kategorische Imperativ. In seiner Universalgeschichte beschreibt Voltaire eine stetige Entwicklung der Menschheit von primitiver Barbarei zur Vorherrschaft der Vernunft.
Schließlich wird Vernunft in der Bedeutung von "einer höheren Ordnung gemäß" verwendet. Diese Sichtweise trägt meistens die Züge einer religiösen Überzeugung, aber auch im deutschen Idealismus ist die Vernunft das "Denken Gottes". Der Mensch und die ganze Menschheit hat im Idealismus Anteil an dieser Vernunft, aber sie vollzieht sich eher an ihm, als das er einen Einfluss darauf hat. Auch ohne einen traditionellen religiösen Bezug sind auch heute viele Menschen überzeugt in der Welt einer höheren Vernunft der Schöpfung zu begegnen. Sogar moderne Physiker wie Einstein und Schrödinger waren von der Existenz einer übernatürlichen, vernünftigen Ordnung überzeugt.
Allen Bedeutungen ist gemeinsam, dass Vernunft immer ein Bedürfnis nach Überleben (Erkenntnis) und Glück zugrunde liegt. Was vernünftig ist und was nicht entscheidet sich in einem konkreten Kontext. In diesem Sinn können Tiere nicht unvernünftig handeln.
Philosophiegeschichte
Die christlichen Tradition der Scholastik versuchte den aristotelischen Vernunftbegriff mit der christlichen Offenbarung zu verbinden. Aus ihrer Sicht kann ein Gegensatz nicht möglich sein, da alles Wissen selbst von Gott kommt. Das Wort Gottes, also die Bibel, muss somit eine natürliche Vernunft widerspiegeln. Die Bereiche des Glaubens wurden aber im Laufe der Zeit soweit ausgeweitet, dass für die menschliche kritische Vernunft kaum noch Platz blieb.
Ähnliche Ansätze finden sich in fast allen Kulturkreisen. In der islamischen Tradition hat der einflussreiche Philosoph Avicenna die Vernunft als eine stetige Emanation Gottes beschrieben. Östliche Weisheitslehren wie Yoga und Zen lehren die Grenzen und Widersprüchlichkeit der Vernunft und wie man sich davon befreien kann.
Die europäische Zeitalter der Aufklärung ist von dem Gedanken getragen, dass die Vernunft imstande ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die Vernunftreligion soll die dogmatische Unterdrückung und den Autoritätsglauben der christlichen Religion überwinden und Freiheit und Wohlstand für alle bringen.
Kant
Der Begriff der menschlichen Vernunft wurde im Rationalismus (z.B. Descartes, Leibniz) oft mit dem Bewusstsein, Selbstbewusstsein oder Geist gleichgesetzt. Im Rationalismus stellt die Vernunft das zentrale Element des Erkenntnisprozesses dar. Mit ihr sind demnach deduktive Erkenntnisse möglich, die auch ohne Erfahrungen und Wahrnehmungen erreicht werden können.
Dem gegenüber steht der Empirismus (z.B. David Hume), der eine Erkenntnismöglichkeit a priori, d.h. ohne Erfahrungen bestreitet.
Immanuel Kant führte Ende des 18. Jhd. beide Ansätze in seiner kritischen Philosophie zusammen. Dazu unterscheidet er zwischen der
- theoretischen Vernunft als die Fähigkeit die sinnlich erfahrbare Welt zu erkennen,
- praktischen Vernunft, die menschliches Handeln individuell und sozial begründen und leiten soll und der
- reinen Vernunft zur Analyse und Systematisierung der Vernunft und Erkenntnismöglichkeiten selbst.
In seinem Werk Kritik der reinen Vernunft versucht Kant die Grenzen und Bedingungen der menschlichen Vernunft aufzuzeigen. Dadurch konnte er den Vernunftsbegriff von metaphysischen Spekulationen befreien und den Weg für eine wissenschaftliche Metaphysik ebnen. Kant trug damit wesentlich zu den heute praktizierten wichtigsten Methoden in der Wissenschaft, in der Theorienentwicklung und das empirische Experiment wechselseitig betrieben werden, bei.
Hegel
Nachdem Kant die Grenzen der Erkenntnisse und der Vernunft beschrieben hatte, wollten die Vertreter des deutschen Idealismus die absolute Erkenntnis und ihre Grenzen beschreiben. Um dahin zu kommen braucht es eine absolute Vernunft, die sich bei Hegel erst durch den geschichtlichen Prozess der Dialektik realisiert. Die Verbindung der Vernunft mit dem Geschichtsprozess hat nachfolgend besonders durch den Marxismus eine sehr deutliche Wirkung entfaltet. Vernunft und Fortschritt (wirtschaftlich, wissenschaftlich, technisch, gesellschaftlich) sind seitdem in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung eng miteinander verbunden und der Freiheitsgedanke der Vernunft aus der Aufklärung wurde dagegen weitgehend verdrängt.
Moderne
Im 20. Jhd. wurde angesichts der Schrecken der Industrialisierung (Holocaust, Imperialismus, Umweltzerstörung) eine moderne Vernunftkritik von der Frankfurter Schule ausgearbeitet. Sie kritisiert den modernen Wissenschaftsbetrieb und seine Faktengläubigkeit, der durch den Positivismus bestimmt wird. Die Vernunft und der Verstand seien zu einem Instrument der Repression des Einzelnen geworden und hätten die Selbstbefreiungskräfte der Vernunft fast erstickt. Nötig sei eine neue Stufe der Aufklärung, die – nach Habermas – noch nicht vollendet ist.
Vernunft und Wahrheit
"Vernunft" darf nicht mit "Wahrheit" gleichgesetzt werden darf. Denn vernünftige Aussagen müssen noch längst nicht wahr sein, sie können wahr sein, sie können aber auch falsch sein.
Und wahre Aussagen müssen noch längst nicht vernünftig sein.
Vernunft
„Vernunft“ ist nicht dasselbe wie „Verstand“, denn man kann vernünftig und unvernünftig denken. „Vernunft“ kennzeichnet eine bestimmte Art des Verstandesgebrauches, nämlich wenn beim Denken (aussagen, fragen, behaupten, befehlen ...) sinnvoll ausgesagt, gefragt, behauptet, befohlen, geschlussfolgert, bezweifelt und kritisiert wird. Und die Beschreibung von Kriterien für sinnvolles Zweifeln, Kritisieren und Behaupten wäre – als Menge gefasst – das, was man unter „Vernunft“ zu verstehen hätte.
„Sinnvoll“ und nicht unsinnig ist das Denken, wenn es sich beim Aussagen (bes. Argumentieren) nach Regeln richtet,
- die entweder logisch notwendig sind (Regeln der Logik bzw. metalogische Regeln)
- oder die sich als notwendig erwiesen haben, um theoretische Erkenntnisse zu erzielen (Regeln der Wissenschaftsmethodologie)
- oder Irrtümer beim kommunikativ vermittelten Erkenntnisprozess zu minimalisieren Transzendentalpragmatik.
Das Denken (der Verstandesgebrauch) ist also vernünftig, wenn es sich beim Aussagen (bes. Argumentieren) nach diesen Regeln richtet. Vernunft ist das Vermögen, sich nach logisch notwendigen, wissenschaftsmethodologisch notwendigen oder kommunikativ notwendigen Regeln begrifflich äußern zu können.
Diese Regeln gehen („liegen“) allem vernünftigen Denken mehr oder weniger voraus (Meta-Regeln, Metaphysik, Transzendentale Strukturen) und beschreiben die Kriterien für wissenschaftliches Denken und für wissenschaftlich orientierte vernünftige Kommunikationsprozesse. Diese Regeln sind keine „transzendente“ Strukturen (Wesenheiten, Entitäten), denn sie sind nicht in einem Jenseits der Welt (Ideen-Himmel), sondern zeigen sich, wenn man über das Denken nachdenkt. Aber sie sind transzendental oder metalogisch: sie sind die Bedingung der Möglichkeit von Denken und Irrtumsvermeindung überhaupt.
Vernunft als die Menge der Kriterien für sinnvolles Zweifeln, Kritisieren und Behaupten darf bei weitem nicht in allem gleichgesetzt werden mit dem, was Kant „reine Vernunft“ nennt. Kant versteht unter „reiner Vernunft“ bestimmte Denkstrukturen beim Menschen, damit Erkenntnisse (und auch Kritik und Fragen) überhaupt möglich sind. Ob und inwieweit es eine solche „reine Vernunft“ gibt, ist philosophisch umstritten, und Kantianer teilen nur Kants Grundidee, nicht deren konkrete Ausformulierung (also die von Kant erstellten Begriffsinhalte der „reinen Vernunft“).
Zitate
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- Die Vernunft geht ihren Gang im empirischen und ihren besondern Gang im transzendentalen Gebrauche. - Immanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft, B 591)
- Die Vernunft, gepriesene Wahrheit, das Gesetz wird hie und da für einen klaren und tiefen Augenblick erkannt, mitten in dem Getöse von Sorgen und Arbeit, die nicht direkt von ihr abhängig sind, - geht dann wieder verloren, für Monate oder Jahre, um wieder für eine kurze Spanne Zeit gefunden und wieder verloren zu werden. Wenn wir diese Intervalle zusammenrechnen, haben wir in fünfzig Jahren vielleicht ein halbes Dutzend vernünftiger Stunden gehabt. - Ralph Waldo Emerson (aus dem Essay Montaigne oder der Skeptiker)
- Nackte Vernunft trägt das Feigenblatt dort, wo das Herz schlägt., aus Spätlese unfrisierter Gedanken, von Stanislaw Lec.
Siehe auch
Ratio, Erkenntnistheorie, Mu´tazila
Literatur
- Daniel Kulla: Warum schlug Marek seinen Kopf gegen die Mauer?, Löhrbach 2001, ISBN 3922708439 (zur Vernunftkritik)



