Soziale Rolle
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Die Soziale Rolle beschreibt die Aufgaben oder die Funktion, die eine Person im gesellschaftlichen Leben wahrnimmt. Der Begriff selbst ist dem Theater entlehnt und veranschaulicht, dass jede Person nur in den ihrer Rolle entsprechenden Grenzen und Möglichkeiten mit den Anderen kommunizieren und interagieren kann.
In der Soziologie ist die soziale Rolle ein zentraler Begriff der Rollentheorie, die in einem einfachen Modell beschreibt, welche Spielräume ein Mensch in seinem sozialen Status hat und wie er diese nutzt. In soziologischen Theorien wurde die Bedeutung des Begriffs vielfach ausgeweitet.
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Geschichte
Historisch wird die Hypothese gewagt, dass Rollenhandeln im Abendland frühestens mit der Entstehung des griechischen Theaters im 5./4. Jahrhundert v. Chr. erstmals als solches beobachtet und auch auf anderen sozialen Bühnen angesprochen werden konnte: Es wird in der jüngeren attischen Komödie selber thematisiert - so etwa "der dumme barbarische Sklave", "der gerissene Diener", "die kupplerische Vettel", "der stürmische junge Liebhaber".
Im Zeitalter der Frühaufklärung diente die Typenkomödie der Entlarvung höfischer Zeremonien und bürgerlicher Gespreiztheit (Goldoni). Bühnenrollen wie der Tartuffe von Molière wurden ihrerseits umgangssprachlich verwandt, um eine soziale Rolle wie "den Heuchler" zu brandmarken. Einschlägig ist auch, dass ein Stück im Stück gespielt wird, wenn Schauspieler eine Rollenfigur spielen, die ihrerseits eine Rolle zu spielen hat - so bereits im "Hamlet" von Shakespeare - der dies sogar problematisiert, wenn Hamlet angesichts des vorgeführten Tränenausbruchs eines Schauspielers nachdenklich fragt: "Was ist ihm Hekuba, dass er um sie sollt' weinen?" Von Shakespeare stammt auch der bekannte Ausspruch: "All the world is but a stage."
1853 gab Herman Melville mit "Bartleby, the Scrivener" eine klassische Short Story, in der ein Angestellter seine soziale Rolle einfach nicht spielen möchte.
Umgangssprache
Dass jemand oder auch etwas "eine Rolle spiele", ist gegenwärtig eine alltägliche Redensart. Beispiel: Komm doch im Hemd, spielt sowieso keine Rolle. Ein Beispiel für die entsprechende Verwendung von "soziale Rolle" wäre: "In der Gruppe 47 spielte Hans Werner Richter eine viel stärkere soziale als künstlerische Rolle."
Soziologie
Der wissenschaftliche Begriff „soziale Rolle“ wurde erst 1936 von Ralph Linton in die Soziologie eingeführt.
Die folgenden Beispiele zeigen, wie Rollen soziologisch unterschieden werden können:
- gesamtkulturell - zum Beispiel die Priesterin, der Mann
- sozial differenziert - zum Beispiel die Physiklehrerin, der Industriemeister
- situationsbezogen - zum Beispiel die Augenzeugin, der Aufzugfahrer
- biosoziologisch - zum Beispiel die Dicke, der Albino
Soziale Akteure befinden sich ihr Leben lang in unterschiedlichen sozialen Rollen; mitunter wird auch in mehreren Rollen gleichzeitig agiert (in sozialen Umfeldern, die sich nur in geringem Maße überschneiden). Sozialhistorisch entstehen dabei soziale Rollen neu, wandeln sich und gehen unter. Das Rollenhandeln beeinflusst dabei immer folgende Aspekte:
- Die legitimen Normen, die einer Position entgegen gebracht werden,
- eine Reihe von fremden oder eigenen Erwartungen, die an einen Akteur in einer bestimmten sozialen Position gestellt werden und nicht immer legitim sind - siehe auch Rollenerwartung),
- die positiven und negativen sozialen Sanktionen, mit denen andere Akteure einen Rollenspieler beeinflussen wollen und können.
An diesen drei sozialen Tatsachen orientieren Akteure offen oder verborgen ihre eigenen Handlungen und bewerten Beobachter sowie die Handlung anderer. Heinrich Popitz definiert soziale Rolle entsprechend als Bündel von Verhaltensnormen, die eine bestimmte Kategorie von Gesellschafts- bzw. Gruppenmitgliedern im Unterschied zu anderen Kategorien zu erfüllen hat. Verhaltensnormen sind dabei Verhaltensweisen, die von allen oder einer bestimmten Kategorie von Gesellschafts- oder Gruppenmitgliedern in einer bestimmten Konstellation regelmäßig wiederholt und im Fall der Abweichung durch eine negative Sanktion gegen den Abweichler bekräftigt werden.
Einzelthemen der Rollentheorie
Kulturelle Rollen
Kulturelle Rollen wirken alltags als „Selbstverständlichkeiten“ und werden oft erst durch Stiftung von Religionen oder durch die Herausbildung politischer Bewegungen in scharfen sozialen Konflikten bewusst und disponibel. So wurden zum Beispiel in der Spätantike durch das Christentum die Sklaven zu "Menschen" aufgewertet, denn auch für die Erlösung von deren Seelen war Jesus gekreuzigt worden. Durch die Frauenbewegung sind die als "weiblich" oder "männlich" charakterisierten kulturellen Rollen nachhaltig erschüttert und differenziert abwandelbar geworden.
Sozial differenzierte Rollen
Sozial differenzierte Rollen haben die meiste soziologische Aufmerksamkeit auf sich gezogen, zumal in Folge der Arbeitsteilung und den daraus resultierenden zahlreichen Berufsrollen.
In der US-amerikanischen Soziologie hat Robert K. Merton den bedeutsamen Unterschied zwischen dem intrapersonalen und dem interpersonalen Rollenkonflikt heraus gearbeitet. Im ersten Fall muss sich zum Beispiel der Industriemeister in dieser Rolle zwischen den Erwartungen seiner Untergebenen und seiner Vorgesetzten seine persönliche Rolle ausformen und hat dabei nach Kurt Holm drei Rollentypen zur Auswahl: Radfahrer = "nach oben buckeln, nach unten treten", Kumpel oder sachlich-distanziert verbrämte wechselnde Parteinahme. Im zweiten Fall müsste er seinen eigenen Rollen-Kompromiss mit seinen anderen Rollen als Betriebsratsmitglied, Familienvater, Vereinsmitglied, Hobbybastler usf. finden.
Ralf Dahrendorf - der mit seinem "homo sociologicus" eine sehr scharfsinnige deutsche Debatte über die "soziale Rolle" angestoßen hat - hat den Unterschied zwischen den durch negative Sanktionen bewehrten „Muss-Erwartungen“, den durch negative und positive charakterisierten „Soll-Erwartungen“ und den durch positiven Sanktionen bedankten „Kann-Erwartungen“ herausgearbeitet: Der Werkmeister muss unkorrupt ein, er soll keine Bezugsgruppe nachhaltig unzufrieden machen, und er kann persönlich verständnisvoll sein.
Im Bereich differenzierter Rollen entsteht auch die Evidenz, mit der der "Rollen"-Begriff aus dem Theater übernommen worden ist – hierzu vgl. besonders Erving Goffman, dem allerdings das "Theater"-Gleichnis mit "Vorderbühne" und "Hinterbühne" ein zentraleres Anliegen als der "Rollen"-Begriff ist.
Situationale Rollen
Situationale Rollen bilden sich je und je unvermutet, ad hoc heraus, wenn etwa ein Betrunkener sich in eine Beerdigung mischt. Trotzdem werden die dann entstehenden Rollenerwartungen, -normen und -sanktionen nicht jedes Mal völlig frei improvisiert. Sie sind durch unterschiedliche Gegebenheiten vorstrukturiert, wenn - im Beispiel eben - es auf einmal auf Geistesgegenwart, eine eher soziobiologische Mitgift, oder auf das Geschlecht, ein eher kulturelles Muster, oder auf den eher sozial differenzierten Beruf eines Akteurs ankommt. Situationen sind einerseits das Arbeitsgebiet sehr scharfäugiger soziologischer Beobachter, klassisch von Georg Simmel, gegenwärtig von Roland Girtler. Andererseits sind sie in speziellen sozialen Problembereichen häufiger anzutreffen, wo sie in der Arbeitssoziologie von Konrad Thomas und in der Katastrophensoziologie von Wolf R. Dombrowsky behandelt worden sind.
Grenzbereich zwischen Soziologie und Biologie
Es gibt Rollen, die eng mit der (bio)soziologischen Tierheit des Menschen verquickt sind, auch "biotische" Rollen genannt. So kennen auch andere Primaten als der Mensch offenbar "den Großen" oder "den Lauten" und entwickeln in Gruppen besondere Verhaltensformen ihm gegenüber, wie auch er gegenüber den Anderen. Solche Rollen wurden in der Soziologie selten thematisiert, eine Ausnahme war Dieter Claessens in "Rolle und Macht" und "Das Konkrete und das Abstrakte". Für das Verhalten des Kleinkindes sind solcherlei Rollen vermutlich besonders bedeutsam, denn es hat die sozialen Rollen im engeren Sinn - also die kulturellen, differenzierten oder situationalen Rollen - noch gar nicht internalisiert; "ein Fremder neben/über mir" erscheint ihm vermutlich einfach in der Rolle des gefährlichen Fressfeindes. Solche Rollen können auch ein Berufsproblem sein, beispielsweise in der Palliativmedizin und der Medizinsoziologie "der Sterbende".
Kritik des Rollen-Begriffs
In akteurbezogenen, oft mikrosoziologisch fokussierten soziologischen Theorien ist der Begriff der „sozialen Rolle“ oft fruchtbar und wird gerne angewandt.
Schwieriger tun sich die kollektivbezogenen Theorien - zum Beispiel der Strukturfunktionalismus oder die Ethnotheorie. Denn sie fassen die stets notwendigen Rollen-Kompromisse der Akteure eher als ein Fehlverhalten oder als "eurozentrisch hinein getragen" auf und analysieren sie mit anderen Begriffen, etwa als "dysfunktional" oder als "kulturimperialistisch".
Wo "Theorien der Gesellschaft" von "soziologischen Theorien" unterschieden werden, etwa im Marxismus oder in der Systemtheorie, da wird "Rolle" entweder als gefährlicher Konkurrenzbegriff vehement zurückgewiesen oder er wird einfach übergangen: Frigga Haug beanstandete als Marxistin, dass sowohl die Geschichte der Gesellschaft und ihre ökonomischen Bedingungen als auch das dialektische Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft mit dem Begriff "Rolle" in das Individuum verlegt würden; die Theatermetapher "Rolle" erleichtere zudem die Selbsttäuschung, Rollenforderungen seien eine äußere Übermacht, vor der das Individuum sich in die "innere Emigration" zurückziehen könne - siehe dazu Rollendistanz. Gesellschaftliche Verhältnisse erschienen dementsprechend fälschlich als unveränderbar. - Eine systemtheoretische Begriffseinvernahme und Umdefinierung der "Rolle" steht noch aus.
Siehe auch
Literatur
Einführend
- Karl-Heinz Hillmann, Wörterbuch der Soziologie, 4. Aufl., Stuttgart: Kröner 1994. ISBN 3-520-41004-4
Klassische Studien
- Ralph Linton, The study of man, 1936.
- Erving Goffman, Wir alle spielen Theater (The presentation of self) 1956.
- Ralf Dahrendorf, Homo sociologicus, Köln/Opladen 1959, 15. (um einen guten Diskussionsteil erweiterte) Aufl. 1975.
- Dieter Claessens, Rolle und Macht, 1968.
- Uta Gerhardt, Rollenanalyse als kritische Soziologie, 1971.
Kritisch
- Frigga Haug: Kritik der Rollentheorie, 1994. ISBN 3-88619-222-9
Angewandte Rollentheorie
- Juri Hälker: Betriebsräte in Rollenkonflikten. Betriebspolitisches Denken zwischen Co-Management und Gegenmacht. Mering: Rainer Hampp 2004. ISBN 3-87988-800-0.
- Thomas Herrmann/ Isa Jahnke/ Kai-Uwe Loser (2003): "Die Unterstützung von Rollenzuweisung und Rollenübernahme. Ein Ansatz zur Gestaltung von Wissensmanagement- und CSCL-Systemen". In: G. Szwillus/J. Ziegler (Hrsg.): Mensch & Computer 2003. Interaktion in Bewegung. Wiesbaden: B. G. Teubner. S. 87-98.
Weblinks
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