Rhizom (Philosophie)

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Rhizom ist ein zentraler Begriff der Philosophie von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Das Rhizom ist ein Modell der Wissensorganisation und Weltbeschreibung. Es soll die Metapher des Baums für die Hierarchie des Wissens durch das Wurzelgeflecht des pflanzlichen Rhizoms ersetzen. Das Konzept der Rhizomatik stieß auf großes Interesse in der Wissenschaftstheorie, der Medienphilosophie und der postmodernen Ästhetik.

Ein traditionelles Organisationsmodell der Wissenschaft und des Wissens ist der Baum des Wissens (etwa in Bibliotheken, Enzyklopädien Taxonomien und Klassifikationen). Dieses Modell halten Deleuze und Guattari für epistemologisch unangemessen und politisch gefährlich, weil es zugleich eine Machtstruktur ist, die keine unvorhergesehenen Querverbindungen zulässt.

Als Alternative werden pflanzliche Strukturen oder die Bauten von Ameisen und Ratten herangezogen: Ein Rhizom ist als unterirdischer Strang grundsätzlich verschieden von großen und kleinen Wurzeln. Zwiebel- und Knollengewächse sind Rhizome. Pflanzen mit großen und kleinen Wurzeln können in ganz anderer Hinsicht rhizomorph sein, und man könnte sich fragen, ob das Spezifische der Botanik nicht gerade das Rhizomorphe ist. Sogar Tiere sind es, wenn sie eine Meute bilden, wie etwa Ratten. Auch der Bau der Tiere ist in all seinen Funktionen rhizomorph. als Wohnung, Vorratslager, Bewegungsraum, Versteck und Ausgangspunkt. Das Rhizom selber kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, von der verästelten Ausbreitung in alle Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Zwiebeln und Knollen. Wenn Ratten übereinander hinweghuschen. (Deleuze/Guattari 1992)

Ein Rhizom ist also ein System, das "vielwurzelig" verflochten ist und nicht in einfachen Dichotomien aufgeht. Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden, es wuchert entlang seiner eigenen oder anderen Linien weiter. (DG 1977, 16). Seine einzelnen Punkte können und sollen untereinander verbunden werden (Konnexion). Unterschiedlichste Sachverhalte können miteinander in Verbindung treten (Heterogenität). Das heißt allerdings nicht, dass es innerhalb eines rhizomatischen Wissens keine festen Strukturen geben kann. Jedes Rhizom enthält Segmentierungslinien, nach denen es geschichtet ist, territorialisiert, organisiert, bezeichnet, zugeordnet etc.; aber auch Deterritorialisierungslinien, an denen es unaufhaltsam flieht. (DG 1977, 16) Statt Einheiten werden bevorzugt Vielheiten beobachtet, die zugleich Plateaus sind. Jede Vielheit, die mit anderen durch an der Oberfläche verlaufende unterirdische Stengel verbunden werden kann, so daß sich ein Rhizom bildet und ausbreitet, nennen wir Plateau. (DG 1977, 35).

Vor allem in der Philosophie der Postmoderne und der Medientheorie wurde die Rhizomatik diskutiert, weil der Begriff für viele Probleme der Orientierung innerhalb moderner Welten des Wissens einen Ansatzpunkt zu bieten scheint. Moderne Wissenswelten - dazu gehört auch die Wikipedia - zu ordnen und zu kategorisieren ist ein unmögliches Unterfangen. Zwar können bestimmte Ordnungsstrukturen geschaffen werden, diese werden jedoch von internen Verknüpfungen und Verbindungslinien wieder untergraben. In einem Rhizom gibt es keine Punkte oder Positionen wie etwa in einer Struktur, einem Baum oder einer Wurzel. Es gibt nichts als Linien. (DG 1977, 14). Als Rhizom begriffen kann der positive Wert scheinbar chaotischer Verknüpfungen verstanden werden. Der Baum und die Wurzel zeichnen ein trauriges Bild des Denkens, das unaufhörlich, ausgehend von einer höheren Einheit (...) das Viele imitiert. (...) Hydren und Medusen können wir nicht entkommen. (DG 1977, 26f). Rhizom dagegen bedeutet für Deleuze und Guattari eine Befreiung von bestimmten Machtstrukturen; es ergibt sich die Möglichkeit, viele Perspektiven und viele Ansätze zu verketten, ohne sie einer rigiden Struktur unterwerfen zu müssen.

Literatur

  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Rhizom. Berlin: Merve 1977. ISBN 3920986830
  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin: Merve 1992. ISBN 3883960942 und ISBN 3-88396-087-X
  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Der Faden ist gerissen (Internationale marxistische Diskussion; 68). Berlin: Merve 1977. ISBN 3920986849
  • Gilles Deleuze, Arnauld Villani, Antonio Negri, Clemens-Carl Härle (Herausgeber): Karten zu Tausend Plateaus. Berlin: Merve 1993. ISBN 3883961000
  • Umberto Eco: Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen Leipzig: Reclam 1989. ISBN 3-379-00452-9
  • Stefan Heyer: Deleuzes & Guattaris Kunstkonzept: ein Wegweiser durch tausend Plateaus. Wien: Passagen 2001. ISBN 3-85165-494-3
  • Frank Hartmann: Medienphilosophie. Wien 2000

Weblinks

Siehe auch: Arbor porphyriana | Familienähnlichkeit | Diskurstheorie



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