Reproduktion (Bildung)

aus Freepedia, der freien Wissensdatenbank

Reproduktion bedeutet im Zusammenhang mit Bildung, dass das Erziehungssystem dazu beiträgt, bestehende Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten.

Systematik

Aufgabe von Erziehung ist es traditionell, die für das Funktionieren der Gesellschaft nötigen Fähigkeiten und Informationen an die heranwachsenden Generationen weiter zu geben. Dabei wird in der Regel neben dem Wissen auch der Status über Erziehung reproduziert, beispielsweise, indem adlige Kinder auf ihre Herrschaftsaufgaben vorbereitet werden, während bäuerliche Kinder alleine in Richtung bäuerlicher Tätigkeiten erzogen werden.

Zur Reproduktion werden in der Erziehungswissenschaft die folgenden Aspekte gezählt:

  1. Sozialisation, also die Integration in die Gesellschaft;
  2. Qualifizierung, die Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten;
  3. Allokation, das heißt die Zuordnung zu einer gesellschaftlichen Gruppe oder Position;
  4. Selektion, die Auswahl beispielsweise beim Zugang zu Bildung

Diese vier Aspekte überschneiden sich und arbeiten an der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Strukturen. Solche Nebenwirkungen von Erziehung werden auch als "heimlicher Lehrplan" bezeichnet.

Geschichte (Deutschland)

Die Forderungen der Aufklärung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sollte insbesondere durch Erziehung erreicht werden, die in den bürgerlichen Erziehungsvorstellungen beinahe alles erreichen kann. Gleichzeitig kommt mit der Aufklärung auch die Forderung nach Selbstunterwerfung der Menschen unter die gesellschaftlichen Zwänge auf. So schrieb Immanuel Kant in seinem berühmten Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, aus dem auch die vielzitierte Definition der Aufklärung als "Ausgang des Menschen aus seiner selbst ver­schuldeten Unmündigkeit" stammt: "räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; nur gehorcht!"

Diese Selbstunterwerfung findet seine Entsprechung im meritokratischen Bildungssystem, in dem formal nur die Leistung nicht aber die Herkunft eine Rolle spielen soll. Dabei standen schon die Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt und Johann W. Süvern der konkreten Umsetzung der Reformen in Deutschland nach 1812 kritisch gegenüber. Während Humboldt eine Einheitsschule angestrebt hat, entwickelte sich das dreigliedrige Schulsystem. Dieses trennte damals ab der Einschulung die Schüler eng an den Schichtgrenzen und bereitete sie auf berufliche Laufbahnen entsprechend ihrer sozialen Herkunft vor.

Dass Mädchen im 19. Jahrhundert erst sehr allmählich und begrenzt Zugang zu höherer Bildung erhielten, lässt sich in dem Sprachgebrauch, den dieser Artikel vorstellt, ebenfalls als "Reproduktion" beschreiben, nämlich als die Reproduktion der Geschlechterrollen. Auch auf die Benachteiligung von sprachlichen und religiösen Minderheiten ist die Denkfigur "Reproduktion" anwendbar.

In der Weimarer Republik kritisierte neben Otto Rühle vor allem auch Siegfried Bernfeld insbesondere die Reproduktion der Klassenverhältnisse, da Arbeiterkinder von Bildungsprivilegien ausgeschlossen wurden. So schreibt er 1925 in Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung: "Die ökonomisch soziale Struktur der Gesellschaft hat ihren eindeutig bestimmten Rahmen für diese Reaktion in sich. Die Organisation der Erziehung ist aufs genauste bestimmt. An ihr ist auf keinem anderen Weg auch nur das mindeste zu ändern als ausschließlich durch eine voraufgegangene Änderung dieser Struktur. … Die Erziehung ist konservativ. Ihre Or­ganisation ist es insbesondere. Niemals ist sie die Vorbereitung für eine Strukturände­rung der Gesellschaft gewesen. Immer - ganz ausnahmslos - war sie erst die Folge der vollzogenen" [6. Auflage, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990, S. 119.].

Im Nationalsozialismus wurde die Reproduktion der Klassenverhältnisse noch verschärft.

Nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes empfahl die von den Alliierten eingesetzte ZOOK-Kommission, dass dreigliedrige Schulsystem abzuschaffen. Es hätte dazu beigetragen, die Untertanenmentalität und das Elitebewußtsein zu fördern. In den westlichen Sektoren wurde dennoch das hochselektive dreigliedrige Schulsystem beibehalten.

In der Sowjetischen Besatzungszone wurde das Bildungssystem konsequent entnazifiziert. Der dadurch aufgetretene Mangel an Lehrkräften wurde dadurch ausgeglichen, dass viele Arbeiter und Arbeiterinnen in einem Schnellverfahren zu Lehrkräften ausgebildet wurden. Hierdurch und durch die Einführung einer Einheitsschule gelang es, die Zahl von Arbeiterkindern an Hochschulen so weit zu steigern, dass sie dem prozentualem Anteil in der Gesamtbevölkerung entsprach. Allerdings änderte sich in den späten fünfziger Jahren diese Bildungspolitik und spätestens seit den 60er Jahren wurden auch in der DDR den Arbeiterkindern die Bildungsprivilegien wieder vorenthalten.

Auch heute wird die Reproduktionswirkung des Bildungswesens kritisiert. In der Bundesrepublik Deutschland wird diese Kritik zumeist an der frühzeitigen Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulformen festgemacht. Dies führe zu einer systematischen Fehleinschätzung bei den Lehrkräften zum Nachteil von Kindern aus unteren Schichten und bei Migrantenkindern (IGLU-Studie). In jüngster Zeit ist verstärkt auf die fehlende Betreuung an Nachmittagen aufmerksam gemacht worden. Insbesondere die PISA-Studie hat herausstellte, dass im internationalen Vergleich die soziale Durchlässigkeit im Deutschen Bildungswesen sehr gering ist (Deutsches PISA-Konsortium, 2001, S. 372 ff, 458 ff). Allein durch die formale Erleichterung des Zugangs zu höheren Bildungsabschlüssen (die dadurch inflationär entwertet werden) kann die Reproduktionswirkung nicht überwunden (siehe Bildungsparadox).

Antikritik

Begriffe wie Reproduktion, Herrschaftswissen u.ä. evozieren eine Form der Gesellschaftskritik, die ihren Höhepunkt in den 1970er Jahren hatte, deren Radikalität ebenso radikale Abwehr zur Folge hatte, und die heute schnell belächelt wird. Unbedachte Verwendung solcher Begriffe kann die Verständigung erschweren und letztlich kontraproduktiv wirken.

Der Ideologiegehalt der Denkfigur "Reproduktion der Gesellschaftsstruktur" wird deutlich, wenn man sich das Gegenbild ausmalt: eine Gesellschaft, in der für jede Generation die Lebenschancen völlig neu gemischt werden. In letzter Konsequenz würde eine solche Gesellschaft nicht nur die Abschaffung des Erbrechts, sondern auch eine frühzeitige, weitgehende Kollektivierung der Kleinkindererziehung erfordern. Eine solche Gesellschaft ist nicht weniger utopisch als eine von vorneherein klassenlose.

Konstruktive Kritik des Erziehungssystems bevorzugt daher Begriffe wie "soziale Durchlässigkeit" und "Chancengleichheit".



Views
'Persönliche Werkzeuge
Werkzeuge
Ähnliche Links