Präraffaeliten

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Die Präraffaeliten waren eine in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England zusammengekommene Gruppe von Malern, die den nach ihnen benannten Präraffaelismus, einen Stil, der sowohl von den Malern des italienischen Trecento und Quattrocento, von den deutschen Nazarenern aber auch, obwohl die Präraffaeliten diese Kunst bereits ablehnten, von Künstlern der italienischen Renaissance (wie Botticelli und insbesondere Raffael) stark beeinflusst war, schufen und prägten.


Inhaltsverzeichnis

Die Präraffaelitische Bruderschaft

Bild:Millais - Christus im Hause seiner Eltern.jpg 1844 lernte der damals gerade fünfzehnjährige John Everett Millais an der Royal Academy in London seinen Mitstudenten William Holman Hunt kennen, mit dem ihn alsbald eine enge Freundschaft verband. Gemeinsam mit Dante Gabriel Rossetti, dessen Bruder William Rossetti, F. G. Stephens, Thomas Woolner und James Collinson gründeten Millais und Hunt 1848 im Wohnhaus von Millais’ Eltern die Präraffaelitische Bruderschaft (The Pre-Raphaelite Brotherhood, PRB). Ihr Ziel war es, in der Malerei vor allem die Natur wiederzuentdecken und aus ihr zu schöpfen, was insbesondere mit mikroskopisch detaillierten Darstellungen der Natur im Gemälde erreicht wird. Sie lehnten die akademische Malerei ab, die nach einem Worte Hunts nur „Wachsfiguren“, nicht aber „lebende Wesen“ schuf. Ab 1849 wurde die Zeitschrift The Germ zur Verbreitung der präraffaelitischen Ideen herausgegeben, sie erreichte indes nur vier Nummern. Ein jüngerer, bedeutender Vertreter der Richtung wurde Edward Burne-Jones.

Als Erkennungszeichen sollten alle Gemälde mit „PRB“ signiert werden, ohne dass man jedoch die Bedeutung dieser Abkürzung der Öffentlichkeit preisgeben wollte, was nur kurze Zeit gelang. Waren die Werke der Präraffaeliten anfangs noch wegen ihrer zum Teil scharfen Realität (etwa in der Darstellung der Werkstatt in Millais’ Gemälde Jesus in seinem Elternhause) von der Öffentlichkeit (und insbesondere der Akademie) verfemt, so wendete sich das Blatt zugunsten der Künsterbewegung als John Ruskin, ein bedeutender Kunsthistoriker und -kritiker der Zeit, 1851 mit mehreren Briefen in der Times für die Präraffaeliten und insbesondere Millais Partei ergriff und das Darstellen der Natur ohne Kaschieren und Selektieren, wie es die Präraffaeliten pflegten, hochpries. Der damit eintretende Wandel in der öffentlichen Kenntnisnahme der präraffaelitischen Malerei bescherte ihren Vertretern, und dabei insbesondere Millais, nun Anerkennung und vor allem erhöhten Absatz ihrer Werke, was nicht zuletzt auch durch eine „gefälligere“ Malweise forciert wurde (so insbesondere Millais’ Hugenotte, 1851/52). Die Zusammenkünfte der Bruderschaft wurden mit diesem (teilweisen) Erfolg ihrer Ideen seltener. Mit der Wahl Millais’ zum Associate der Royal Academy 1853 brach die Bruderschaft dann endgültig auseinander, was einige ihrer Mitglieder wie Rossetti und auch Hunt, dem an der Freundschaft mit Millais viel gelegen war, nur schwer überwandten. Trotzdem folgen durch die ehemaligen Mitglieder noch etliche Werke im präraffealitischen Stil. Bild:Rossetti Ecce Ancilla.jpg

Der Name

Obwohl sie sich eng an Raffael anlehnten, bedeutet doch präraffaelitisch, also vorraffaelitisch, gerade eine Ablehnung Raffaels, der von den Präraffaeliten als früher Vertreter des akademischen Stils betrachtet wurde. Als vorbildlich wurde vielmehr die Kunst des (späten) Mittelalters herausgestellt in einer zumeist etwas abwegigen Verquickung mit der Forderung nach brutal naturalistischer Darstellung der Natur, ein Aspekt, den das Mittelalter kaum kannte. Fasziniert waren die Präraffaeliten und mit ihnen wohl ein nicht unbeträchtlicher Teil der Europäischen Kunstszene von der Klarheit und Strenge der spätmittelaterlichen italienischen Kunst des Trecento und Quattrocento, die gegenüber der immer noch als barock empfundenen akademischen Kunst der Zeit als vorzugswürdig erschien.

Maltechnik und Zeichenstil

Begeistert von der spätmittelalterlichen italienischen Freskomalerei wandte zuerst Hunt eine dem Fresko sehr nahekommende Technik auf der Leinwand an. Genau wie der Freskomaler, der, da er in den nassen Putz malen musste, nur abschnittsweise arbeiten kann und zudem diese einzelnen Bildabschnitte je an einem Tage vollenden muss und Korrekturen dann wegen des Abtrocknen des Putzes nicht mehr möglich sind, malte auch Hunt abschnittsmäßig, wobei der einzelne Abschnitt je vollendet wurde und er ihn danach nicht mehr korrigierte. Dies wurde alsbald von den anderen Präraffaeliten übernommen. Zudem näherte man sich dem Fresko dadurch an, dass man auf einem noch feuchten weißen Malgrund arbeitete, was den Farben eine ungewöhnliche Brillianz verlieh. Schon lange vor den Impressionisten malten die Präraffaeliten in umfangreichen Maße an der frischen Luft: die mikroskopisch genauen Naturdarstellungen selbst in den Hintergründen erfolgten vielfach unter zum Teil widrigen Bedingungen unter freiem Himmel. Sowohl das Malen nach Abschnitten als auch die in allen Bildteilen brutale und äußerst detaillierte Realität der Naturdarstellung lassen die Bilder oft „auseinanderfallen“; es entsteht ein für die normale Bilderfahrung kaum noch fassbares Mosaik aus je in sich abgeschlossenen Bildteilen.

Ihr Zeichenstil hebt die Präraffaeliten am stärksten von der akademischen Praxis ab, keine runde „klassische“ Zeichnung, sondern in starren „gotischen“ Formen gehaltne Grafik wurde von den Präraffaeliten präferiert.

Œuvre

Bild:Millais Schwarzer Braunschweiger.jpg

Es sollen hier nur die bedeutendsten Werke der wichtigsten drei Vertreter des Präraffaelismus genannt werden.

Millais

  • Christus im Hause seiner Eltern, 1849/1850; London, Tate Gallery
  • Mariana, 1850/1850; Privatbesitz
  • Der Hugenotte, 1851/1852; Washington, Makins Collection
  • Bildnis John Ruskin, 1853/1854; Privatbesitz
  • Herbstblätter, 1855/1856; Manchester City Art Galleries
  • Der schwarze Braunschweiger; 1859/1860

Hunt

  • Der St Agnesabend, 1848; London, Guildhall Art Gallery, Corporation of London
  • Rienzis Schwur, 1848/1849; Privatbesitz
  • Eine bekehrte Britenfamilie verbirgt einen christlichen Missionar, 1849/1850; Oxford, Visitors of the Ashmolean Museum
  • Der Mietling, 1851/1852; Manchester City Art Galleries
  • Das Licht der Welt 1851-1853; Oxford, Warden and Fellows of Keble College
  • Der Sündenbock, 1854/1855
  • Die Auffindung Jesu im Tempel, 1854-1860; Birmingham Museums and Art Gallery

D.G.Rossetti

  • Ecce Ancilla Domini, 1849/1850; London, Tate Gallery
  • Die Hochzeit des heiligen Georg und der Prinzessin Sabra, 1857; London, Tate Gallery
  • Beate Beatrix, 1864-1870; London, Tate Gallery
  • Die Braut, 1865/1866; London, Tate Gallery
  • Astarte Syriaca, 1875-1877; Manchester City Art Galleries

Bedeutung

Die Präraffaeliten entstanden aus der Ablehnung der sterilen Akademiemalerei ihrer Zeit; anders als die Nazarener hatten sie nicht nur einen religiösen Impetus, sondern setzten sich in ihrer Themenwahl zunächst auch mit den sozialen Aspekten ihrer Zeit auseinander. Die Präraffaeliten stehen in engem Zusammenhang mit der späteren Arts-and-Crafts-Bewegung um William Morris, ebenso zum Ästhetizismus, zum Symbolismus und zum Jugendstil. Sie waren letztlich ein Ausfluss romantischen Strebens zur Natur, die zum Teil stark mystifiziert wird, zum anderen ist eine Hinwendung zum Mittelalter zu verzeichnen, die auch auf dem Kontinent die kulturelle Debatte der Zeit bestimmte.

Rezeption

Der präraffaelitische Stil bestimmte, obschon die Brüderschaft nicht einmal eine Dezennie bestand, die Malerei des viktorianischen England entscheidend und wurde in der englischen Malerei bis zu Beginn des ersten Weltkrieges gepflegt. Mit der nach dem Weltkrieg erfolgenden kompletten künstlerischen Neuausrichtung in der zivilisierten Welt gerieten die Präraffaeliten jedoch zusehends in Vergessenheit. Erst in den 1960er Jahren setzte in Großbritannien mit groß angelegten Einzelausstellungen der bedeutendsten Präraffaeliten ein Umschwung in der Rezeption ein, der die Präraffaeliten als festen Bestandtteil der Kunst des 19. Jahrhunderts ins Kunstbewusstsein (zurück?) holte. Im Folgenden wuchs auch in den USA und Westeuropa das Interesse an ihnen ständig (große Ausstellung in der Londoner Tate Gallery 1984).

Sind sie auch in Deutschland nicht allzu stark ins Breitenbewusstsein geraten, so setzt man sich auch hierzulande zusehends mit ihnen auseinander. Breiter Beliebtheit erfreuen sich Kunstdrucke und Posterreproduktionen präraffaelitischer Werke, was mit der zunehmenden Tendenz der heutigen Zeit zur Flucht in (gerade in präraffaelitischen Werken besonders stark ausgerollte) Traumwelten und Mystik zu erklären sein dürfte.



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