Positivismus
aus Freepedia, der freien Wissensdatenbank
Positivismus, Philosophie, die Erkenntnis auf die Interpretation "positiver Befunde" verpflichtet - das Sprechen von "positiven Befunden" ist dabei das naturwissenschaftliche, nach dem etwa eine Untersuchung von Gewebe auf Krebszellen einen "positiven Befund" erbringen kann: ein Ergebnis, das unter vorher definierten Untersuchungsbedingungen als Nachweis gewertet wird. Der Positivismus geht in der Namensgebung und ersten Institutionalisierung auf Auguste Comte zurück und wurde unter diesem und seinen Nachfolgern im 19. Jahrhundert vorübergehend zu einem weltumspannenden humanistischen Religionsersatz ohne transzendente Instanzen ausgebaut. Zwischen beiden Bereichen - der in den Wissenschaften anklang findenden erkenntnistheoretischen Position und dem institutionalisierten einen Religionsersatz anstrebenden Positivismus - entstanden im Verlauf des 19. Jahrhunderts erhebliche Spannungen.
Inhaltsverzeichnis |
Der von August Comte begründete organisierte Positivismus
August Comtes Versuch, den Positivismus zur wissenschaftlich fundierten Weltkultur auszubauen, wurde eines der großen utopistischen Projekte des 19. Jahrhunderts. Comte entwarf wie Marx und Engels es mit dem Kommunismus taten, ein Geschichtsmodell, nach dem sich die von ihm vertretene Philosophie mit historischer Notwendigkeit durchsetzen musste. Die Menschheitsentwicklung durchschritt historisch notwendige Entwicklungsstadien von den ersten religiösen Kulten über den Monotheismus zu einer von den Wissenschaften bestimmten Kultur. Der Motor der historischen Entwicklung war nicht ein Klassenkonflikt, der in eine Weltrevolution mündete, in der die Arbeiterklasse die Herrschaft übernahm, sondern die schlichte Ausbreitung der zukünftigen Gesellschaft mit dem wissenschaftlichen Fortschritt. Die Menschheit selbst geriet in diesem Prozess in das Zentrum des Interesses. Die Soziologie würde, als von Comte begründete Wissenschaft, alles Handeln bestimmen und das menschliche Zusammenleben zum größten Nutzen der Menschheit organisieren - Mitgefühl und Altruismus, Achtung vor menschlichen Leistungen würden im Zentrum des Zusammenlebens in der zukünftigen Gesellschaft stehen.
Mit dem Aufbau eines wissenschaftlichen Religionsersatzes sollte der historischen Entwicklung zum Durchbruch verholfen werden. Seine Organisation und die Dogmatik orientierte sich am Aufbau des Katholizismus. Die Huldigung des Kosmos, des Lebens auf der Erde sowie des menschlichen Geistes wurden zur Verehrung einer neuen Dreifaltigkeit ausgestaltet. Die Unsterblichkeit wurde als Unsterblichkeit im Gedächtnis der Menschheit sozialisiert. Der positivistische Kalender trug dem wiederum Rechnung durch sein dreizehnmonatiges Jahr, das symbolisch die Weltgeschichte durchmisst. Die einzelnen 28tägigen Monate nehmen die jüdische und die christliche Tradition auf, wie die Wissenschaftsgeschichte und die politischen Traditionen Europas. Monatsrepräsentanten sind unter anderem Moses, Archimedes und Friedrich II. von Preußen. Die einzelnen Tage sind, einem Heiligenkalender gleich, den größten Individuen gewidmet, die zum Fortschritt der Menschheit beitrugen. Die übergreifende These, dass die Welt sich über die Religion und den Aufbau von Staaten und Wissenschaften in die Zukunft entwickelte, erlaubte die Würdigung und die Integration der überwundenen religiösen und staatlichen Organisationsformen.
Positivistische Kongregationen wurden gegründet. Sonntagliche Treffen mit Zeremonien, die den Gottesdienst ersetzten, standen auf dem Programm und erweckten Misstrauen - wie Spott. Die Bewegung zeichnete sich durch den Ordnungsfanatismus und die Detailversessenheit ihres Gründers aus wie durch eine prekäre Annäherung an genau das System, das sie ersetzen sollte – und durch möglichst lückenlose Übernahme von Organisationsformen und Techniken ersetzen wollte: die katholische Religion, die gerade im naturwissenschaftsfreundlichen angelsächsischen Sprachraum nicht als Traditionsangebot in Frage kam. Eine spezielle Verehrung der Frau prägte den Positivismus - für Comte, der seinen persönlichen Leidensweg am Ende in der Verehrung einer Frau fand, war die Frau das emotional höher entwickelte Wesen, das durch die ausgeprägtere Fähigkeit zum Mitgefühl prädestiniert war, die Kernaufgabe in der Familie wahrzunehmen.
Brasilien erwies sich als die Nation, die dem Positivismus langfristig die größten Chancen bot, Fuß zu fassen – das Motto der Nationalflagge „Ordnung und Fortschritt“ taucht in der Flagge Brasiliens wieder auf. Der Positivismus entwickelte hier eine interessante Macht im politisch sozialen Gefüge als Ideologie, die sowohl dem Liberalismus nahestand, wie soziale Gerechtigkeit forderte. Bis heute gibt es die positivistische Gemeinde Brasiliens mit Tempeln in Rio de Janeiro, Curitiba und Porto Alegre. Liebe, Respekt und Anerkennung gegenüber den Eltern und Vorfahren, den sozialen Institutionen, der Heimat und der Menschheit im Allgemeinen sind die Kernpunkte des Kultus.
Positivismus als erkenntnistheoretische Option
Die zunehmend religiöse Ausprägung des Positivismus stand der Auseinandersetzung mit seinen erkenntnistheoretischen Optionen zuweilen erheblich im Wege. Comte selbst litt im nachrevolutionären Frankreich politische Repressalien mit seinem Angebot, gesellschaftliche Ersatzstrukturen aufzubauen. Im angelsächsischen Sprachraum bewarf man sich unter Wissenschaftlern bevorzugt mit dem Vorwurf des versteckten Positivismus: Eine subversive dem Atheismus verpflichteten Religionszugehörigkeit breite sich hier aus, wenn nicht schlicht eine abstruse Weltanschauung.
Positivismus in den Geschichtswissenschaften
Zugkraft entwickelte der Positivismus auf dem Gebiet der Wissenschaften zuerst bei den noch jungen Geschichts- und Kulturwissenschaften. Das Spektrum reicht hier von Übernahmen des positivistischen Geschichtsmodells durch Literaturhistoriker wie Hippolyte Taine bis hin zu einer Geschichtswissenschaft, die sich beim Interpretieren von Fakten gerade zurückhielt und damit den Vorwurf auf sich zog, über Materialsammlungen nicht mehr hinauszukommen - ein in Teilen der Germanistik des 19. Jahrhunderts verbreiteter Vorwurf.
Rechtspositivismus
Dem Positivismus in seiner Ausprägung zum Gesellschaftsmodell blieb auf ganz andere Weise der Rechtspositivismus verhaftet. Mit ihm geht und ging es um die Grundlagen bestehenden Rechts, das für Rechtspositivisten nicht länger als göttliches oder als natürliches Recht legitimierbar ist. Die Gesellschaft selbst legt das Recht nach wissenschaftlicher Erkenntnis im Blick auf ihr Zusammenleben fest, es soll im Zusammenleben den größtmöglichen Nutzen entfalten und ist durchweg "gesetztes" Recht, Menschenwerk ohne höhere Legitimation. Die Setzungen erwiesen sich als problematisch, da an dieser Stelle totalitäre Regime zum Erreichen ihrer Zielsetzungen beliebige Gesetze erlassen können, die von Richtern sodann als positives Recht akzeptiert werden müssen. Eine Auseinandersetzung über dieses Problem fand nach dem Zweiten Weltkrieg statt, als Richter sich für Rechtsprüche aus der Zeit der Diktatur verantworten mussten. Sie zogen sich unter Verweis auf den Rechtspositivismus darauf zurück, streng nach dem Gesetz gehandelt zu haben, nach einem Gesetz das nicht sie verantworteten, sondern die Gesellschaft, der sie dienten. Vertreter grundsätzlicher Menschenrechte sahen in der blinden Ausführung von Gesetzen, eine Bereitschaft der Justiz, sich instrumentalisieren zu lassen. Die Frage blieb, ob man an selber Stelle zu einer anderen Rechtsnorm zurückkehren wollte. Vertreter des Rechtspositivismus klagten in der Auseinandersetzung die Verantwortung der Gesellschaft für ihr Recht ein und insistierten darauf, dass keine Position klarer als die des Rechtpositivismus diese Verantwortung erforderte und der Diskussion aussetzte.
Positivismus als erkenntnistheoretische Option in den Naturwissenschaften
Bild:Mach Analyse der Empfindungen 1900 15.png
Größten Einfluss entfaltete der Positivismus als erkenntnistheoretische Option mit der Wende ins 20. Jahrhundert in den Naturwissenschaften. Er kam hier als eigene Position im Streit zwischen Empiristen und der Transzendentalphilosophie auf. Mehr oder weniger offen gingen die meisten Vertreter des klassischen Empirismus von einer materiellen Außenwelt aus, die auf die Sinnesorgane einwirkte und im menschlichen Bewusstsein Erkenntnisprozesse in Gang setzte. Dagegen wandten Vertreter der Transzendentalphilosophie ein, dass wir über "die Dinge an sich" letztlich nichts sagen könnten - sie blieben jenseits der Sinneswahrnehmungen. Während sich auf marxistischer Seite der dialektische Materialismus formierte mit einem klaren Bekenntnis zur materiellen Außenwelt als dem Ausgangspunkt aller Prozesse (der Erkenntnisprozesse wie der historischen Prozesse), bezogen die Positivisten eine radikal empiristische Position, die den Transzendentalphilosophien ihre Kritik zugestand: Wir wissen letztlich nichts über die Außenwelt. Alles worüber wir verfügen sind Sinnesdaten. Diese interpretieren wir, wobei sich nun allerdings die Frage stellt, wie wir sie interpretieren.
Die positivistische Antwort auf diese Frage lautet: "denkökonomisch", das heißt, ohne Instanzen und Wesenheiten unnötig ins Spiel zu bringen. Wenn sich die Sinnesdaten bereits mit der Annahme einer dreidimensionalen materiellen Außenwelt interpretieren lassen, dann ist es unnütz, ein komplexeres Modell mit Bereichen anzunehmen, die jenseits des Wahrnehmbaren verbleiben sollen und zur Vorhersagbarkeit von Ereignissen nichts beitragen. Die Wissenschaften sollen ein Beschreibungsmodell liefern und Prognosen erlauben. Deutlich zeigt sich die eigene Position der Positivisten zwischen Materialisten und Transzendentalphilosophen in der Frage, ob es Gott gibt. Man kann das mit dem Materialismus verneinen - hier gibt es nur Materie, und man kann sich an derselben Stelle, wenn man auf die Transzendenz verweist, einen Raum für die Existenz Gottes offen halten. Von Seiten des Positivismus lässt sich über die Transzendenz keine sinnvolle Aussage fällen: So wie Gott definiert ist, bleibt er stets außerhalb des zu Beschreibenden - der Sinnesdaten. Die gesamte Debatte um seine Existenz dreht sich aus Sicht des Positivismus, um ein "Scheinproblem".
Während der Positivismus sich aus der Perspektive der Religionen als wissenschaftlich ausgerichteter Agnostizismus erweist - als Position der Nichterkenntnis Gottes (nicht der Gottesleugnung der Atheisten), gestaltetet sich auf der anderen Seite das Verhältnis zum dialektischen Materialismus des Kommunismus spannungsreich. Die von der deutschen Experimentalphysik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts vertretene Position, dass unsere gesamte Erkenntnis lediglich eine praktische Interpretation von Daten sei, wurde von Lenin persönlich 1908 mit einer Streitschrift gegen den "Empiriokritizismus" Ernst Machs beantwortet. (Die gesamte Schrift ist eine lange Polemik, die viel dazu beitrug, dass der Positivismus im Ostblock als subversives und trotzdem weder religiöses noch politisches Theorem überlebte.)
Mach hatte im eigenen Lager der deutschen Physik mehr Einfluss, als ihm geheuer war - er blieb gegenüber der Relativitätstheorie skeptisch. Albert Einstein dankte ihm indes spät noch für die Theoreme, denen er bei der Formulierung seinet Theorie gefolgt sein will. Die moderne Physik musste, so Einstein, bereit sein, sich vom dreidimensionalen Raum wie von ihren Vorstellungen von der Materie zu trennen, wenn wissenschaftliche Daten ein anderes Beschreibungsmodell als das überschaubarere erwiesen. Das denkökonomischere, leichter berechenbare und bessere Prognosen erlaubende Modell war, wie Einstein nachweisen konnte, das eines vierdimensionalen Raums, in dem Materie und Energie ineinander überführbar würden. Den Wissenschaften könne es an dieser Stelle nicht um die Frage gehen, was die Wahrheit sei, sie müssten strikt ein Modell entwerfen, das es erlaubt, Vorhersagen über Messergebnisse zu machen; sie seien dabei verpflichtet, das mathematisch einfachste Modell zu wählen.
Logischer Empirismus, Neopositivismus und analytische Philosophie
Heinrich Hertz und Ernst Mach entwickelten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine weit in die Philosophie ausgreifende Wissenschaftstheorie. Im Wiener Kreis fand sie ihr prominentestes philosophisches Forum; in England rezipierte Bertrand Russell die Entwicklung. Mit Ludwig Wittgenstein stellte sich eine direkte Verbindung der Bereiche her.
Wittgensteins Veröffentlichungen betteten sich in das Diskussiongefüge der Wissenschaftstheorie ein, verschoben jedoch den Blickpunkt auf die logischen Grenzen sinnvoller Aussagen.
Hatten die Positivisten des 19. Jahrhunderts die philosophische Debatte von den Dingen und den Sinneswahrnehmungen weg auf die Interpretation der Daten gelenkt, so konzentrierte sich die neue Debatte auf die Aussagen, in die jede Interpretation von Daten am Ende überführt werden muss. Die erste Frage lautet hier: Wann kann man erkennen, ob eine Aussage sinnvoll ist? Die Antwort ist: Wenn wir gleichzeitig festlegen können, bei welcher Befundlage wir sie für wahr oder unwahr erachten wollen. Eine Krankheit, etwa ein Karzinom, wird dann "positiv" diagnostiziert, wenn vorher festgelegte Untersuchungen die betreffenden positiven Ergebnisse liefern, etwa die als bösartig klassifizierten Krebszellen in der Gewebeprobe. Die beliebige sinnvolle Aussage - die etwa ein medizinisches Referenzwerk zu verschiedenen Krankheitsbildern macht, notiert einen Sachverhalt. "Bei Krankheit vom Typ x ist folgendes der Fall". Bestätigt die Untersuchung den Sachverhalt mit einem positiven Befund, dann wird dieselbe Aussage zur Aussage über eine Tatsache. Das nun wieder hat logische und mengentheoretische Folgen: Die Menge der Tatsachen ist demnach eine Teilmenge der sinnvoll formulierbaren Sachverhalte - und wir benötigen keine Empirie, um Sachverhalte sinnvoll zu formulieren (wir können auch Krankheitsbilder sinnvoll formulieren, die tatsächlich noch nie oder nicht mehr beobachtet wurden). Empirie benötigen wir erst, um festzustellen, ob der Fall ist, was wir behaupten. Gleichzeitig lässt sich nun folgern, welche Aussagen nicht als Aussagen zu Sachverhalten sinnvoll werden können. Unter anderem sind das Aussagen über Kausalität und Moral, wie Wittgenstein im Tractatus Logico-Philosophicus eingehender nachweist. Der Erkenntnistheorie sind damit logische Grenzen gesetzt, über die mit Mengentheorie wie mit Aussagenlogik nachgedacht werden kann, und diese Grenzen erweisen sich als weit härter definierbar als die zuvor gegenüber Materialisten und Transzendentalisten verteidigten.
Wittgenstein entfaltete mit diesen Blickwendungen auf die Sprache - er setzte sie mit einem Nachdenken über den Spracherwerb und die Bedeutungskonstitution fort - enormen Einfluss auf die Linguistik des 20. Jahrhunderts wie auf die Strömungen der Diskursanlyse der 1960er bis 1990er. Jean-François Lyotard knüpfte in seinen Analysen der Postmoderne an Wittgensteins spätere Überlegungen an.
Vertreter der französischen Theorieschulen des 20. Jahrhunderts gaben sich bis zu Michel Foucault, ohne sich auf die letzten Entwicklungen zu beziehen, wiederholt als Positivisten aus. Die Position erweist sich unter modernen Theoretikern, gerade als historisch kritisierte und in ihrer Radikalität suspekt gebliebene, als anhaltender Affront gegenüber linken wie rechten Lagern politischer und philosophisch-humanistischer Debatten.
Literatur
- Bernhard Plé, Die "Welt" aus den Wissenschaften. Der Positivismus in Frankreich, England und Italien von 1848 bis ins zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, eine wissenssoziologische Studie (Stuttgart: Klett-Cotta, 1996). ISBN 3-608-91754-3
- Hauff, Jürgen (Mitarb.), Methodendiskussion. Arbeitsbuch zur Literaturwissenschaft Teil 1: Positivismus, Formalismus - Strukturalismus, 5., erg. Aufl. (Frankfurt am Main: Athenäum-Verl., 1987). ISBN 3-610-02003-2
- Pedro Goergen, Der Positivismus Auguste Comtes und seine Auswirkungen in Brasilien (München, Univ., Fachber. Philosophie, Wissenschaftstheorie u. Statistik, Diss., 1975).
- Leszek Kolakowski. Die Philosophie des Positivismus [1965] (München: Piper, 1971).
- Auguste Comte, Rede über den Geist des Positivismus [original: Discours sur l'esprit positif] übersetzt, eingeleitet und hrsg. von Iring Fetscher [=Philosophische Bibliothek, 468] (Hamburg: Meiner, 1994). ISBN 3-7873-1148-3



