Politischer Mythos

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Unter dem Begriff Politischer Mythos versteht man eine mythische Erzählung (Mythos), die gemeinschaftliche, vor allem nationale Identität stiftet und einer großen Wir-Gruppe über ihre sozialen Spaltungen und kulturellen Differenzen hinweg selbstverständlich-fraglose Geltung erlangt.

Dies gilt gleichermaßen für archaische und moderne politische Mythen. Der moderne politische Mythos unterscheidet sich allerdings von archaischen Mythen, durch seinen Einsatz als gezielte Propaganda (politische Ideologie).

Der politische Mythos beglaubigt narrativ, was im Gemeinwesen ist und sein soll (Legitimation) und bildet so eine Art "Charta der sozialen Ordnung" (Claus Leggewie).

Politische Mythen enthalten als Konstrukte eine Mischung aus Wahrheit und Lüge, aus Geschichtsschreibung und Prophetie, aus Vergangenheitsbewältigung und Zukunftserwartung.

Es können drei Typen politischer Mythen unterschieden werden:

  • personenbezogene politische Mythen, die der Unterstützung oder Legitimierung bestimmter politischer Akteure oder Gruppen von Akteuren dienen sollen.
  • Geschichtsmythen, die eine die aktuelle Politik rechtfertigende Geschichtsbilder schaffen sollen.
  • mythische Ideologien als umfassende Aussagenkomplexe, die gesellschaftliche und politische Ordnungen verteidigen sollen

Indem jeder politische Mythos einen neuen Anfang setzt, hat er eine abrupt-gewalttätige Natur, auch wenn dies durch Kanonisierung bzw. interne Autorisierung verschwiegen wird. Geltung erreicht ein politischer Mythos durch seine orale und intellektuelle Fort-Erzählung.

Ernst Cassirer hat 1949 im Blick auf den "Mythus des Staates" den Begriff als soziologisch-philosophische Kategorie eingeführt. Dabei macht er den Versuch, die Wiederkehr des politischen Totalitarismus philosophisch zu begreifen, d. h. aus den Ursachen herzuleiten. Cassirer ist der Auffassung, dass der politische Mythos nicht endgültig überwunden, sondern nur - u.a. durch die Philosophie - "gezähmt" werden könne. Diese Zähmung geschehe durch Verstehen und Bekämpfung, während die Widerlegung durch rationale Argumente nicht möglich sei.

Dagegen haben Georges Sorel und Carl Schmitt dem politischen Mythos eine polemische Funktion zugebilligt, die ihn letztlich wieder "hoffähig" gemacht haben. So wurde er denn auch von den totalitärenRegimen des 20. Jahrhunderts gezielt genutzt, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Dabei ist der nationalsozialistische"arische Mythos" wohl die extremste Ausprägung (vgl. z.B. Alfred Rosenberg: Der Mythos des 20. Jahrhunderts, 1930). An ihm wurde die destruktive Macht politischer Mythen deutlich.

Literatur

  • Cassirer, Ernst: Vom Mythus des Staates. Philosophische Grundlagen politischen Verhaltens (unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1949), 2002.
  • Dörner, Andreas: Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermann-Mythos: zur Entstehung des Nationalbewußtseins der Deutschen. Reinbek 1996.
  • Speth, Rudolf: Nation und Revolution. Politische Mythen im 19. Jahrhundert, Opladen 2000.
  • Zimmering, Raina: Mythen in der Politik der DDR, Opladen 2000.
  • Voigt, Rüdiger (Hg.): Mythos Staat. Carl Schmitts Staatsverständnis, Baden-Baden 2001.
  • Bernek, Rüdiger: Dramaturgie und Ideologie. Der politische Mythos in den Hikesiedramen des Aischylos, Sophokles und Euripides, 2004.

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