Materialismus

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Der Begriff Materialismus (abgeleitet von Materie) bezeichnet eine philosophische Position, die alle Vorgänge und Phänomene der Welt oder allgemeiner gesagt die gesamte Wirklichkeit auf ein einziges Grundprinzip, nämlich die Materie, zurückführt (siehe Monismus). Dementsprechend geht der Materialismus - im Gegensatz zum Idealismus oder zum neutralen Monismus - davon aus, dass z.B. auch Gedanken und Ideen als Erscheinungsformen der Materie lediglich Epiphänomene sind. Er erklärt die den Menschen umgebende Welt und die in ihr ablaufenden Prozesse ohne geistige bzw. immaterielle Elemente (wie beispielsweise Gott), die sich dem naturwissenschaftlich reproduzierbaren wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn entziehen.

  • Umgangssprachlich wird der Begriff auch kritisch im Sinne einer Lebenseinstellung verwendet, die hauptsächlich durch Streben nach materiellem Besitz und Wohlstand gekennzeichnet ist, siehe dazu Konsumgesellschaft, Konsumismus.


Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Ursprünge des Materialismus liegen in der griechischen Naturphilosophie, wichtige Vordenker sind u.a. Thales, Anaxagoras, Parmenides, Epikur, vor allem aber Leukipp und Demokrit, die Begründer der Atomistik. Die Naturphilosophen suchten natürliche Erklärungen der Wirklichkeit anstelle der mythologischen. Die Naturphilosophie gilt somit auch als Vorläuferin der modernen Wissenschaft.

In der Scholastik wurde die Materie als rein passiv betrachtet. Beeinflusst durch die arabische Philosophie der Aristoteliker Avicenna (Ibn Sina), Avicebron (Ibn Gabirol) und Averrös (Ibn Roschd) sprach in der Spät-Renaissance Giordano Bruno der Materie aktive Fähigkeiten zu.

Als wichtige Vertreter in der europäischen Aufklärung gelten Paul Heinrich Dietrich von Holbach, Claude Adrien Helvétius, Julien Offray de La Mettrie, Denis Diderot und Ludwig Feuerbach.

Ein streng mechanistisches Weltbild entwarf der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph Laplace. Er behauptete, durch die Kenntnis des gegenwärtigen Zustands eines jeden Teilchens im Universum ließe sich auf Grundlage der bekannten (und absolut erfassbaren) mechanischen Gesetze der Zustand des Universums zu jedem beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft bestimmen. Der Laplacesche Determinismus hat damit gravierende Auswirkungen auf die Naturphilosophie gehabt, da das Universum in diesem Fall nicht nur vorhersehbar, sondern durch seine Anfangsbedingungen bereits vorherbestimmt sei (siehe Laplacescher Dämon).

Zu den bekanntesten materialistischen Philosophen zählen Karl Marx und Friedrich Engels. Sie verbanden den Materialismus mit der Dialektik, und erklärten die Wirklichkeit als Prozess der permanenten Wechselwirkung von Geist und Materie (vgl. Dialektischer Materialismus). Weiter sei hier der Anarchist Michail Bakunin erwähnt, der in seinem Werk "Gott und der Staat" versucht, die Frage zu beantworten, ob Idealisten oder Materialisten im Recht sind. Ernst Bloch differenziert die Philosophiegeschichte in einen Rechts-Aristotelismus und einen Links-Aristotelismus, je nachdem ob Geist / Form / Idee oder aber Materie als das Schöpferische in der Welt gesehen werde.

Mechanistischer Materialismus und die heutige Naturwissenschaft

Das mechanistische Weltbild, wie es im Laplaceschen Determinismus Ausdruck fand, ist im 20.Jahrhundert von der Quantenmechanik abgelöst worden, was mit einer Abkehr vom deterministischen Materialismus einherging. Obwohl populärwissenschaftlich oft verbreitet, widerspricht die Quantenmechanik nicht grundsätzlich dem Determinismus. Es gibt es auch deterministische Interpretationen der Quantenmechanik mit versteckten Parametern, jedoch sind nichtdeterministische Interpretationen vorherrschend, in denen der Faktor "Zufall" als objektiver Teil der Realität existiert. Wegen der Heisenbergschen Unschärferelation können Ort und Impuls eines Teilchens niemals zur gleichen Zeit hinreichend genau bestimmt werden. Da also der exakte Zustand eines Sytems nie bekannt sein kann, ist auch die Extrapolation des gegenwärtigen Zustands eines jeden Systems besonders im mikroskopischen Bereich nur in statistischer Weise möglich. Dies gilt auch für deterministische Interpretationen der Quantenmechanik wie die Bohmsche Mechanik, wo der Zustand der versteckten Paramter prinzipiell unbekannt ist.

Bedeutend für den Materialismus ist auch die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Auffassung von Materie. Besonders die Physik spielt hier eine grosse Rolle, da oftmals physikalische Größen wie Elemtarteilchen oder Felder als grundlegende, die Materie konstituierende Entitäten angesehen werden. Insbesondere die Fragestellung, ob die gegenwärtig als fundamental betrachteten Bestandteile der Materie (Leptonen, Quarks) wirklich elementar sind, oder ob diese wiederum wie die früher als elementar angesehenen Teilchen ( siehe Atom, Proton, Neutron) aus elementareren Teilchen zusammengesetzt sind, hat dabei Rückwirkungen auf den philosophischen Diskurs. Bedeutend für die Auffassung von Materie ist auch der in der Quantenmechanik beschriebene Welle-Teilchen Dualismus.

Kritik am Materialismus

Der Materialismus ist seit seinen Anfängen kritisiert worden. Eines der Hauptargumente gegen ihn lautet, dass der Materialismus sich nicht selbst erklären könne, da er als Theorie und nicht als Materie auftritt. Auch lasse sich nachweisen, dass menschliche Fähigkeiten wie das Selbstbewusstsein nicht (rein) materiell verstanden werden können. Darüber hinaus sei der Begriff der Wahrheit (bzw. die gesamte Erkenntnistheorie) rein materiell nicht zu verstehen. (Scherzhaft ausgedrückt, muss sich der Materialismus fragen lassen: Kann sich ein Elektron oder welche Elementarteilchen auch immer irren?) Gegen diese Kritik ist einzuwenden, dass die Materie sich sehr wohl selbst erklären kann, und zwar mittels ihrer höchstentwickelten Erscheinungsform, des menschlichen Gehirns. So hat der Mensch im Verlauf von Jahrtausenden in der praktischen Auseinandersetzung in und mit der Natur (d.h. durch Arbeit) die Fähigkeit erlangt, seine ihm über die Sinneswahrnehmung vermittelten Erkenntnisse im Denken und in der Sprache zusammenzufassen. Die Resultate des Denkens selbst (die Ideen) sind nicht materiell, beruhen aber auf der Tätigkeit des Gehirns und sind damit Produkt der Materie. Die kompliziertesten Resultate menschlichen Denkens, also die wissenschaftlichen Theorien, müssen ihren Wahrheitsgehalt immer in der konkreten Tätigkeit (z.B. Experiment, Produktion etc.) beweisen. Dies nennt man das Kriterium der Praxis (vgl. hierzu W.I. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Berlin 1962).

Kritik aus Idealistischer Sicht

Der Materialismus beruht auf der Grundannahme, dass wir die Welt so erfahren wie sie ist, dass wir das Ding an sich unmittelbar wahrnehmen. Jedoch wird dabei die Tatsache vergessen, das alles was wir wahrnehmen uns durch die apriori Formen des Raumes und der Zeit gegeben ist. Wir nehmen die Dinge nur so wahr, wie die Sinne und der Geist uns liefern.

Aus idealistischer Sicht beschreibt der Materialismus, also nur unsere Vorstellungswelt und versucht aus dieser Rückschlüsse über unser Dasein zu ziehen, lässt aber den transzendtalen Aspekt außer Acht. Denn wenn wir unser Gehirn betrachten sehen wir nicht den wirklichen Kognitionsapparat, sondern nehmen diesen nur so wahr wie er sich selbst Darstellt.

Frei aus dem buddhistischen Dhammapada (Zitat): Den Dingen geht der Geist voran; der Geist entscheidet...

Literatur

Bloch, Ernst: Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz (1972)

Siehe auch



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