Märchen
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Als Märchen (Diminutivform zu mittelhochdeutsch maere "Kunde, Nachricht", abgeleitet von althochdeutsch māri "berühmt") bezeichnet man prosaische Erzählungen, die über die wirkliche Welt hinausgehen und übernatürliche Elemente enthalten. Dabei wird das Übernatürliche als selbstverständlich vorausgesetzt, soll aber nicht notwendigerweise glaubwürdig sein, sondern dient eher der Erzählung.
Nach André Jolles wird das Märchen als eine so genannte einfache Form verstanden, was unter Erzählforschern jedoch alles andere als unumstritten ist.
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Volksmärchen und Kunstmärchen
Nach ihrer Entstehung unterscheidet man über sehr lange Zeiträume mündlich weitergegebene Volksmärchen, deren Entstehung unbekannt ist, und die oft in vielen verschiedenen Varianten vorliegen, von schriftlich fixierten Kunstmärchen neueren Datums. Im Gegensatz zum im Laufe der Zeit zum Allgemeingut gewordenen Volksmärchen rechnet man das Kunstmärchen zur Individualliteratur, da es von einzelnen Dichtern geschaffen und genau fixiert wurde, heute meist schriftlich, früher durch Auswendiglernen tradiert. Es bezeichnet eine hohe künstlerische Leistung, wobei sich der Künstler entweder eng an das Schema des Volksmärchens halten kann oder völlig frei fantastische Wundergeschichten erfindet, mit dem Volksmärchen aber dennoch durch den Aspekt des Wunderbaren oder Unwirklichen verbunden bleibt. Die Märchen und insbesondere ihre Motive spielen als eine der Quellen der Fantasy eine wichtige Rolle. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Volksmärchen erfolgt durch die volkskundliche Erzählforschung, wohingegen die Kunstmärchen Objekte der Literatur- und Sprachwissenschaften sind.
Eigenschaften
Märchen nehmen üblicherweise keinen direkten Bezug auf geschichtliche Orte, Zeiten oder Personen; auch ein Bezug zur Religion ist - falls vorhanden - nur oberflächlich. Dadurch unterscheiden Märchen sich von Sagen oder Legenden. Märchen behandeln oft den Gegensatz zwischen Gut und Böse, die Guten werden belohnt und die Bösen bestraft. Viele Märchen kennen außerdem fantastische Wesen wie Zwerge, Hexen, Zauberer oder Fabeltiere (Drachen, Einhörner). Märchen haben oft einen durchaus grausamen oder gewalttätigen Inhalt und sind daher in ihrer Wirkung auf Kinder umstritten.
Märchenhafte Erzählungen und Überlieferungen sind aus allen Völkern und Kulturen bekannt. Wie alt Märchen tatsächlich sind, ist nicht geklärt. Die ältesten archäologischen Spuren mythischer Ausdrucksformen, etwa in Felsmalerei oder in der Darstellung von Figuren, lassen eine gleichzeitige verbale Ausdrucksform vermuten.
Im Vergleich zeichnen Märchen sich durch international wiederkehrende Motive aus, die durch gemeinsame Traditionen oder gegenseitige Einflüsse begründet werden. Zum Teil sind Volksmärchen auch in die Vergessenheit "abgesunkene" Mythen. Das deutsche Märchen Frau Holle geht wahrscheinlich auf eine vorchristliche Gottheit zurück.
Das Volksmärchen stammt in seiner ältesten bekannten Form aus dem Orient, und ist von dort schon weit vor den Kreuzzügen ins Abendland gelangt. Es ist in der Antike und im Mittelalter Bestandteil anderer epischer Dichtungen und germanischer Heldensagen. In England, Schottland und Irland wird keltisches Märchengut verarbeitet; es gibt Motivzusammenhänge zum Heldenepos, der Tierfabel und dem romanischen Märchen.
Märchensammlungen und -sammler
Orient
Das orientalische, insbesondere das arabisch-persische Märchengut ist zum Teil in den Geschichten aus 1001 Nacht im Westen publiziert worden, wobei es freilich sehr unterschiedliche Ergebnisse gab, was die Übersetzungsqualität angeht.
Als Teil einer moralischen Unterrichtung sind indische Märchen in Form von Jatakas überliefert und durch zahlreiche Publikationen auch im Westen bekannt geworden. Jatakas sind in ganz Süd- und Ostasien volkstümlich populär und bekannt.
Afrika
Eine bedeutende Sammlung afrikanischer Märchen stellte der deutsche Ethnologe Leo Frobenius mit seiner Atlantis-Reihe zusammen.
Europa
Einer der ersten (wenn auch nicht der erste) europäischen Märchensammler war der Italiener Giovanni Francesco Straparola (16. Jahrhundert) mit seiner Sammlung "Le piacevoli notti" (Die ergötzlichen Nächte), sowie der Neapolitaner Giovanni Battista Basile mit der ersten vollständigen Märchensammlung Lo cunto de li cunti (dt. Das Märchen der Märchen).
In Frankreich kontrapunktierte Charles Perrault (1628-1703) die herrschende Aufklärung, indem er unter dem Namen seines Sohnes die "Contes de ma mère l'Oye" herausgab. Märchen wie "Blaubart" oder "Der gestiefelte Kater" fanden von hier aus über die Übersetzungen von Ludwig Tieck bald den Weg nach Deutschland.
Die bekannteste russische Märchensammlung ist die Sammlung "Russische Volksmärchen" von Aleksander Afanasjew (1826-1871).
In Serbien sammelte Vuk Stefanović Karadžić die Märchen und Epen der westlichen Balkanhalbinsel. (Mala prostonarodna slavenoserbska pjesnarica, Wien 1814, Narodne srpske pjesme (Leipzig und Wien 1823-33). Diese musterhaften Sammlungen serbischer Volkslieder erregten auch im Ausland Aufmerksamkeit.
Der bekannteste skandinavische Märchensammler und -dichter war wohl der Däne Hans Christian Andersen.
In Norwegen stellten Peter Christian Asbjørnsen (1812-1885) und Jörgen Moe (1814-1850), mit "Norske folkeventyr samlede" eine bedeutende Sammlung norwegischer Volksmärchen zusammen.
Der bekannteste deutschsprachige siebenbürgische Märchensammler war Josef Haltrich (1822-1886) und stellte die "Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen" zusammen.
Deutschland
Einer der ersten Märchensammler auf deutschem Gebiet war Johannes Praetorius (17. Jahrhundert), dessen Werk auch eine wichtige Quelle für das der Brüder Grimm darstellte.
Im deutschen Sprachraum sammelten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm (die Brüder Grimm) Märchen aus verschiedenen Quellen und gaben sie ab 1812 als Sammlung der Kinder- und Hausmärchen heraus. Noch heute sind diese Grimms Märchen ein Standardwerk der deutschen Literatur.
Bekannt sind auch die Märchen von Wilhelm Hauff (Hauffs Märchen), die allerdings nicht generell auf alte Märchen zurückgehen, sondern Neudichtungen sind. Weitere bekannte deutsche Märchensammler und -dichter waren Ludwig Bechstein (1802-1860) mit seinem Deutschen Märchenbuch (1854) und Johann Karl August Musäus (1735-1787) mit seinen Volksmärchen der Deutschen (1782-1786).
Märchenerzähler der Gegenwart
Zunehmend werden Märchen als Unterhaltung und Kunstform von und für Erwachsene wiederentdeckt. Bekannte Märchenerzähler der Gegenwart sind Klaus Adam (Deutschland), Radha Anjali (Indien), Heather Forest (USA), Huda al Hilali (Irak), Jankele Ya'akobson (Israel), Frieder Kahlert (Deutschland), Saddek El Kebir (Algerien), Laura Kibel (Italien), Antonio Sacre (Kuba), Eth Noh Tec (Japan), Jürg Steigmeier(Schweiz), [Folke Tegetthoff] (Österreich), und Helmut Wittmann (Österreich).
Verfilmungen
Märchen werden heute auch verfilmt, beispielsweise Tom Thumb ("Der kleine Däumling", USA/GB 1958 vom Regisseur George Pal). Eine der bekanntesten Märchenverfilmungen stammt aus den Disney-Studios: Snow White and the seven Dwarfs ("Schneewittchen", USA 1937) war der erste abendfüllende Zeichentrickfilm des Studios, der unter großem Personalaufwand und nach langjähriger Arbeit am 21. Dezember 1937 Premiere hatte und die Markenzeichen des Studios, das zu Grunde liegende Naturverständnis und die Qualität der Machart, begründete. Auch von Dornröschen existiert eine Zeichentrickverfilmung aus den Disneystudios; allerdings wurde diese als einer der schlimmsten Misserfolge des Studios verbucht, trotz der zeichnerischen Qualität.
Sekundärliteratur
- Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen Dtv 1980, ISBN 3-423-35028-8
- Eugen Drewermann: "Lieb Schwesterlein, laß mich herein - Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet" Dtv 1992, ISBN 3-423-35050-4
- Eugen Drewermann: "Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter - Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet" Dtv 1992, ISBN 3-423-35056-3
- Ulf Diederichs: Who is who im Märchen München 1985, ISBN 3-423-30503-7
- Rudolf Geiger: Märchenkunde Stuttgart 1982, ISBN 3-87838-356-8
- Frederik Hetmann: Märchen und Märchendeutung. Erleben und Verstehen. Klein Königsförde/Krummwisch 1999, ISBN 3-933393-02-X
- Linde Knoch: Praxisbuch Märchen. Verstehen-Deuten-Umsetzen. Gütersloh 2001, ISBN 3-579-02309-8
- Max Lüthi: Es war einmal Göttingen 1998, ISBN 3-525-34006-0
- Max Lüthi: Das europäische Volksmärchen. Tübingen 2005, ISBN 3-8252-0312-3
- Max Lüthi: Märchen Stuttgart 2004, ISBN 3-476-20016-7
- Kurt Ranke: Enzyklopädie des Märchens: Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung / begr Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich: Berlin 1975 (ff.), ISBN 3-11-005805-7
- Walter Scherf: Das Märchenlexikon München 1995, ISBN 3-406-39911-8
- Hans-Jörg Uther: The Types of International Folktales. A Classification and Bibliography, Based on the System of Antti Aarne and Stith Thompson (FFC 284/285/286). Helsinki 2004.
Siehe auch
Weblinks
- Sammlung von mehr als 1000 berühmten Märchen
- Märchen aus Europa im Volltext
- Märchen Sammlung
- Märchen im Gutenberg-Projekt
- Märchenbasar: Texte von Kindern und Jugendlichen
- Märchen im Literaturnetz (Grimm, Hauff, 1001 Nacht u.a.)
- Märchenturm: voller Märchen - kostenlos auch als Hörbuch oder pdf
- Märchengesellschaft
- Michael Maar: Monster, Zwerge, Zaubertränke (Weltwoche 02/2003)
- Märchenreich Kirama Eine Seite für Kinder und Eltern (umfangreiche Märchensammlung, Rezepte Bastelanleitungen und vieles mehr)
- Magazin über Volksgut z.B.: Grimms Märchen



