Lustschmerz
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Mit Lustschmerz wird das Empfinden von sexueller Lust beim Erfahren oder Zufügen von bestimmten körperlichen Schmerzreizen bezeichnet. Ein veralteter medizinischer Begriff dafür ist Algolagnie (von griechisch algos (Schmerz) und lagneia (Wollust). Andere Bezeichnungen dafür sind Algophilie und Schmerzgeilheit.
Historisches
Ende des 19. Jahrhunderts untersuchten die ersten Psychiater das Phänomen. 1890 prägte der österreichische Psychiater und Gerichtsarzt Dr. Richard von Krafft-Ebing die neuen Begriffe "Masochismus" (Lust beim Erleiden von Schmerzen) und "Sadismus" (Lust beim Zufügen von Schmerzen) anhand der Werke der Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch und dem Marquis de Sade.
Zwei Jahre später, 1892, erfand Albert von Schrenck-Notzing den Begriff "Algolagnie". Damals herrschte noch ein deutlich anderes Verständnis des Phänomens als heute vor. Wie Krafft-Ebing betrachtete auch von Schrenck-Notzing die von ihm studierte "Algolagnie" als Krankheit. Für ihn gehörten alle Betroffenen einer von zwei Krankheitsbildern an: der "passiven Algolagnie" (Masochismus) oder der "aktiven Algolagnie" (Sadismus). Aus dieser Zeit stammt die Abkürzung "S&M" für "Sadismus und Masochismus". Von Schrenck-Notzing sah das Ertragen, bzw. Zufügen von Schmerzen als das alleinige Ziel beider Seiten an und hielt einvernehmliche Beziehungen für unmöglich. Auch sah er eine Gefahr, dass Sadisten bei Verschlimmerung ihrer "Krankheit" zu Gewalttätern werden.
Im Jahr 1913 publizierte Isidor Isaak Sadger ein Werk "Über den sado-masochistischen Komplex". Dies führte in den folgenden Jahrzehnten dazu, zunehmend den Sadomasochismus als ein zusammengehörendes Phänomen betrachten.
Heutiges Verständnis
Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wird Sadomasochismus wiederum nur als ein Aspekt und Teilbereich einer größeren und komplexeren Gruppe sexueller Vorlieben, BDSM, betrachtet, zu der auch Bondage, Discipline, sowie Domination und Submission gehören. Außenstehende setzen jedoch heute noch oft fälschlich die Begriffe "S&M", "Sadomasochismus" und "BDSM" gleich.
Heute werden Sexualpraktiken, die das Zufügen und Erfahren von körperlichen Schmerzen beinhalten, auch Schmerzerotik genannt.
Zu beachten ist, dass BDSM-Anhänger nicht notwendigerweise Sadomasochisten sind: viele finden Schmerzen überhaupt nicht erotisch, sondern allenfalls die Situation des Machtgefälles, der Dominanz und Unterwerfung, spielerische Bestrafung oder Fesselungsspiele. Auch ist nach heutigem Verständnis nicht jeder, der die passive bzw. aktive Rolle bei BDSM-Spielen genießt, ein "Masochist" bzw. "Sadist". Masochismus und Sadismus sind heute Begriffe, die nur noch als medizinische Diagnose bei Patienten, für die ihre sexuelle Neigung eine Krankheit darstellt, verwendet werden. Die meisten BDSM-Anhänger fallen nicht unter diese Diagnose.
Beim Lustschmerz werden in aller Regel nur bestimmte Arten von Schmerz und auch nur in bestimmten sexuellen und Rollenspiel-Kontexten als lustvoll empfunden. Dieselben Personen empfinden andere Arten von Schmerzen außerhalb solcher Kontexte genauso unlustvoll wie jeder Mensch. Diejenigen Personen, die als empfangender Partner (Bottom) Lustschmerz empfinden können, teilen sich in verschiedene Gruppen:
- Personen, die in der Lage sind, Schmerzen in einem sexuellen Kontext zu einer lustvollen Empfindung umzudeuten. Dabei spielen möglicherweise Endorphine eine Rolle, die der Körper bei Schmerzen ausschüttet. Dies kann bis zu einem tranceartigen Rauschzustand führen, der "Subspace" genannt wird.
- Personen, die Vorstellung als stimulierend empfinden, dass ihr Partner die Macht hat, ihnen Schmerzen zuzufügen und sie selbst hilflos sind. Der eigentliche Schmerz wird nicht als lustvoll empfunden, aber die Situation.
- Personen, die Schmerzen und unangenehme Situationen jeder Art als lustvoll empfinden können. Solche Menschen, die unter Umständen sogar in der Lage sind, einen Zahnarztbesuch zu erotisieren, sind jedoch wahrscheinlich sehr selten.
Praktiken
Für das Empfinden von Lustschmerz ist zum einen das Spiel, die Situation wichtig, in der der Schmerz zugefügt wird, zum anderen die Art des Schmerzes. Während es etliche "exotische" und trotz ihrer Ungefährlichkeit an Foltermethoden erinnernde Spielarten zum Zufügen erotisierbarer Schmerzen gibt (zum Beispiel mit (Wäsche-) Klammern oder flüssigem Wachs), ist der "Klassiker" nach wie vor die Züchtigung mit der Hand oder einem geeigneten Schlagwerkzeug.
Einige Beispiele für Schlagwerkzeuge: Bei der Wollpeitsche sind an einem Stab mehrere Wollfäden oder Filzstreifen befestigt. Wird man mit dieser Wollpeitsche traktiert, dann tut dieses nicht wirklich weh, sondern bewirkt eher einen psychologischen Effekt. Mit einem Kochlöffel oder Tischtennisschläger kann der Schmerz beim Schlagen einfach gesteuert werden. Je grösser die Fläche, desto milder der Schmerz. Bei der Brennesselpeitsche werden Brennesseln mit einem Handschuh gehalten und zum vorsichtigen Schmerz zuführen oder zum Peitschen verwendet. Peitschen mit mehreren Lederriemen oder gar einem starken Lederseil können bereits beträchtlichen Schmerz auslösen. Vorsicht, je länger eine solche Peitsche ist desto gefährlicher wird diese auch für die Haut.
Bei Bottoms der ersten oben genannten Gruppe sinkt das Schmerzempfinden im Idealfall während der Schläge immer mehr und das Lustempfinden steigt, so dass dieselben Reize, die sonst als schmerzhaft und unangenehm empfunden werden, in diesem Moment als luststeigernd empfunden werden können.
Meist dauert es eine gewisse Zeit, bis eine ausreichende starke Ekstase eintritt, in der dann die Schmerzschwelle immer weiter fällt. In dieser Aufbauphase ist es wichtig, langsam und leicht zu beginnen und den Reiz nicht zu schnell zu steigern. Ansonsten kann es passieren, dass die Schwerzschwelle wieder steigt und jeder weiteren Reiz nur noch als unangenehm empfunden wird, der Bottom "stürzt ab". Dies kann vermieden werden, wenn der Top mit dem Bottom vertraut ist, ein gutes Einfühlungsvermögen besitzt und gut auf die Reaktionen des Bottoms achtet. Neben der nonverbalen Kommunikation gibt es Safewords mit der Bedeutung "mach weiter, aber langsamer" oder für den Fall des Absturzes "sofort aufhören".



