Jean de Béthencourt

aus Freepedia, der freien Wissensdatenbank

Bild:Jean de Béthencourt.jpg Der Baron Jean de Béthencourt (*1359 in Grainville la Teinturiere, Normandie, Frankreich; † 1425 ebda.) eroberte Anfang des 15. Jahrhunderts große Teile der Kanarischen Inseln.


Béthencourt, Angeklagter mehrerer Prozesse, beim französischen König in Ungnade gefallen, und dazu hoch verschuldet, möchte aus seiner Misere. Er wählte als Ziel seiner Flucht vor seinen Gläubigern die Kanarische Inseln, die damals als das Ende der Welt galten. Von seinen Gläubigern unbemerkt, veräußerte er das gesamte ihm verbliebene Vermögen, und machte sich mit dem Erlöß auf den Weg an den spanischen Hof. Mit Hilfe seines Vetters Robert de Braquemont, und dessen ausgezeichneten Beziehungen zum spanischen Königshaus, erlangt er die hoheitliche Erlaubnis, erteilt durch König Heinrich III. von Kastilien, auf den Kanarische Inseln das Wort Gottes zu verkünden und ihnen so die Segnungen des Christentums zu bringen. So bezeichnete man in damaliger Zeit die zu nichts anderem, als der Eroberung neuer Ländereien und dem Sklavenfang dienenden, immer mehr in Mode geratenen Expeditionen. Aber Jean de Béthencourts Pläne beschränkten sich vorerst auf den Handel mit Orseille, der Färberflechte, die in großen Mengen auf den Kanarische Inseln wuchs, und ein einträgliches Geschäft versprach. Um unliebsame Konkurrenten auszuschalten, beschloss er, das gesamte Archipel, auf welche Art und Weise auch immer, unter seine Herrschaft zu bringen. Mit finanzieller Hilfe des spanischen Königshauses wird ein professionelles Expeditionscorps zusammengestellt und ausgerüstet.

Béthencourt sticht am 1. Mai 1402 mit 250 Bewaffneten, seinem Gefährten Gadifer de la Salle, mit dem er bereits 1390 einen Kreuzzug gegen Tunis unternommen hat, sowie zwei Padres, vom französischen Hafen La Rochelle aus, in See. Diese beiden Padres sollten nicht nur die Guanchen, die Ureinwohner der Kanarische Inseln missionieren, sondern waren auch für die Niederschrift und für die Ausschmückung der zu erwartenden Heldentaten im Expeditionstagebuch verantwortlich. Unter den Abenteurern befanden sich auch einige Deutsche, von denen sogar ein Wilhelm der Deutsche namentliche Erwähnung in der Chronik über diese Expedition fand. Beim letzten Stop auf europäischem Festland, im Hafen von Cadiz, bricht unter der Mannschaft eine Meuterei aus, in deren Verlauf ein Großteil der Männer desertiert. Wahrscheinlich war die Angst vor den bislang unerforschten Inseln am Rande der Welt größer, als die vage Aussicht auf Ruhm, Ehre und Reichtum. So erreicht Béthencourt Ende Juli 1402 gerade einmal mit 63 Mann, überwiegend Franzosen, das Ziel seiner Reise und landet auf Lanzarote. Allerdings die ersten kleinen Inseln, die sie sichten, nennen sie aus freudiger Stimmung heraus Alegranza (dt. Freude) und La Graciosa (dt. die Anmutige). Kurz darauf besetzen sie in relativ kurzer Zeit die Insel Lanzarote. Wider Erwarten kommt es nicht zu kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen Expeditionscorps und Ureinwohnern, sondern im Gegenteil zur freundlichen Annäherung. Die Guanchen genossen die Ankunft der schwer bewaffneten Fremden zunächst mit Vorsicht und Misstrauen. Zu oft wurden ihre Inseln in der jüngsten Vergangenheit von Sklaven jagenden, plündernden, und auch vor Mord nicht zurückschreckenden Korsaren heimgesucht. Aber die Neuankömmlinge wollten die Ureinwohner sogar vor diesen beschützen, so vereinbarte es Béthencourt jedenfalls mit König Guadarfia, dem lokalen Herrscher auf Lanzarote. Dieser gestattet im Gegenzug den Bau einer Befestigungsanlage in der Rubicon-Ebene im äußersten Süden der Insel, bei deren Errichtung sogar Einheimische mit Hand anlegten. Dass sie damit den ersten Spatenstich für das Grab ihrer Nation taten, konnten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, obwohl ihnen das Ganze doch merkwürdig vorgekommen sein soll. Von dem, nach seinem Standort benannten, Fort Rubicon aus, wagt Béthencourt mit seinen Mannen dann einen Abstecher auf die in Sichtweite gelegene Nachbarinsel Fuerteventura. Angesichts von 4000 zur Verteidigung ihrer Insel gerüsteten Kriegern, scheitert vorerst jeder Eroberungsversuch. Béthencort beschließt, vorerst aufs spanische Festland zurückzukehren, um dort eine zweite, stärkere Expedition auszurüsten. Für die Zeit seiner Abwesenheit setzt er seinen Weggefährten Gadifer de la Salle als Statthalter auf Lanzarote ein.

Zurück in Spanien trifft er sich zunächst mit Heinrich III., und vergewissert sich weiterer Unterstützung durch den kastilischen Monarchen. Von ihm erhält er, neben weiteren finanziellen Mitteln und Herrschaftsrechten, auch über die noch zu erobernden Inseln, das Recht, Münzen zu prägen, und die Zusicherung des fünften Teiles der zu erwartenden Gewinne als so genannte Feudalabgabe. Ob tatsächlich jemals Münzen geprägt wurden, ist unklar. Mit der Rückkehr Jean de Béthencourts nach Lanzarote bricht auch für die anderen Kanareninseln das Ende ihrer Selbstverwaltung an. Gut ausgerüstet und fest entschlossen, seine ihm von Heinrich III. übertragenden Herrschaftsrechte auch auf die anderen Inseln des Kanarischen Archipels auszuweiten, setzt Béthencourt, nunmehr schon zum dritten Mal, König Guadarfia fest. Dieser lässt sich, um sein Volk vor völligem Untergang zu bewahren, und zum Zeichen der Unterwerfung, taufen. Daraufhin erlahmt auch der letzte Widerstand aus den Reihen der ohnehin kampfesmüden, und stark geschwächten, verbliebenen Ureinwohner. Sie tun es ihrem König gleich, und die christliche Religion feiert ihren ersten Triumpf südlich des 30. Breitengrades. Ein Päpstlicher Erlass bestimmt Rubicon, also den äußersten Süden Lanzarotes zum ersten Bischofssitz der Kanarischen Inseln.

Die Inseln Lanzarote und Los Lobos als Versorgungsbasis nutzend, erobert Béthencourt in den Jahren 1405/1406 ganz Fuerteventura. Er und La Salle errichten Siedlungen in Vega de Río Palmas, Valle de Santa Inés und Antigua, und in Betancuria, die seinen Namen tragende Hauptstadt, die dies zeitweilig für den gesamten Archipel war. Auch El Hierro und La Gomera kann Béthencourt vereinnahmen. Weniger Glück hat er bei seinen Versuchen Gran Canaria und La Palma unter seine Herrschaft zu zwingen. Der erbitterte Widerstand der Ureinwohner lässt ihn schließlich aufgeben. Aber auch ohne diese Inseln umfasste Béthencourts Herrschaftsbereich, nach nicht einmal vier Jahren Kampf, fast die Hälfte des Archipels. Auch in finanzieller Hinsicht hatte sich das Abenteuer für Béthencourt gelohnt, obgleich er das Geld mit vollen Händen wieder ausgegeben haben soll. Weniger Anlass zur Freude hatte hingegen sein Gefährte Gadifer de la Salle, der vor allem für die militärischen Erfolge der Conquistadoren verantwortlich war. Dieser verliert nämlich durch den in Intrigen besser bewanderten Béthencourt sämtliche, schwer erkämpften Ansprüche auf die Inseln. 1406 kehrt Béthencourt auf das Festland zurück, um die Erträge seines mittlerweile blühenden Handels mit der Färberflechte, dessen Aufnahme ja eines seiner Hauptziele war, zu genießen. Natürlich setzte er auch jetzt einen Stellvertreter ein, und zwar seinen Neffen Maciot de Béthencourt. Dieser nahm sich Teguise, die Tochter des vormaligen Herrschers Guardafia zur Lebensgefährtin, nach dieser er den Ort, der vorher den Namen Acatife trug, umbenannte. Maciot spielte seine Rolle aber so schlecht, dass er seine Herrschaftsrechte im Jahre 1415 auf Anordnung des kastilischen Monarchen verliert.

Die erfolgreiche Christianisierung der Kanaren bringt Jean de Béthencourt neben Glückwünschen auch eine Audienz bei Papst Innozenz VII. ein. 1414 soll Béthencourt dann wegen erneuter Geldschwierigkeiten in sein Heimatdorf Grainville la Teinturiere zurückgekehrt sein, um neue Geldquellen aufzutun. Was aber nicht gerade logisch erscheint, da man ihn hier nicht gerade als kreditwürdig in Erinnerung behalten haben dürfte. Aber auch die politische Entwicklung auf dem europäischen Festland dürfte Béthencourt, außer ständigen Geldnöten, arges Kopfzerbrechen bereitet haben. So eroberte der englische König, der sich auch mit Spanien im Krieg befand, während des Hundertjährigen Krieges fast die gesamte Normandie. Jean de Béthencourt ist plötzlich Lehnsmann zweier miteinander verfeindeter Könige. Um dieses Dilemma unbeschadet zu überstehen, veranlasste er seinen Neffen Maciot, die Kanarische Inseln dem spanischen Grafen von Niebla zu schenken. Dieser sollte als Strohmann die Besitzungen der Béthencourts halten, bis sich die politische Lage soweit geklärt hatte, und man sich der Loyalität des siegreichen Königs versichert hatte.

Aber sein eigener Tod machte dem inzwischen völlig verarmten Jean de Béthencourt einen Strich durch die Rechnung, als dieser ihn 1425 auf seiner Burg in seinem Heimatdorf Grainville la Teinturiere einholte. So endet also das abenteuerliche Leben Béthencourts dort, wo es einst begann. Er gilt als der erste moderne Kolonisator, der zwar zur Durchsetzung seiner Ziele viel List und Tücke, aber lange nicht die Skrupellosigkeit und Grausamkeit nachfolgender Generationen anwandte.



Views
'Persönliche Werkzeuge
Werkzeuge
Andere Sprachen
Ähnliche Links