Heimatvertriebener
aus Freepedia, der freien Wissensdatenbank
Als 'Heimatvertriebene' bezeichnet sich ein Teil derjenigen Deutschen, die als Folge des 2. Weltkrieges ihre angestammte Heimat verlassen mussten und in das restliche Deutschland, die spätere Bundesrepublik Deutschland sowie die DDR und Österreich kamen.
Rechtliche Stellung in Deutschland
Die Rechtstellung der Heimatvertriebenen ist durch das Bundesvertriebenengesetz (BVFG) geregelt worden, das auch eine Legaldefinition des Begriffes "Heimatvertriebener" enthält, die von der Selbstbezeichnung der landsmannschaftlich organisierten Heimatvertriebenen abweicht.
§ 2 des BVFG sagt dazu aus:
- Ein Heimatvertriebener ist, wer am 31. Dezember 1937 oder bereits einmal vorher seinen Wohnsitz in dem Gebiet desjenigen Staates hatte, aus dem er vertrieben worden ist (Vertreibungsgebiet) und dieses Gebiet vor dem 1. Januar 1993 verlassen hat; die Gesamtheit der ehemals unter fremder Verwaltung stehenden deutschen Ostgebiete und die Gebiete außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches nach dem Gebietsstande vom 31. Dezember 1937), die am 1. Januar 1914 zum Deutschen Reich oder zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie oder zu einem späteren Zeitpunkt zu Polen, zu Estland, zu Lettland oder zu Litauen gehört haben, gilt als einheitliches Vertreibungsgebiet.
- Als Heimatvertriebener gilt auch ein vertriebener Ehegatte oder Abkömmling, der die Vertreibungsgebiete vor dem 1. Januar 1993 verlassen hat, wenn der andere Ehegatte oder bei Abkömmlingen ein Elternteil am 31. Dezember 1937 oder bereits einmal vorher seinen Wohnsitz im Vertreibungsgebiet (Absatz 1) gehabt hat.
Ursachen der Vertreibung
Im Zuge der deutschen Ostkolonisation dehnte sich das deutsche Sprach-und Kulturgebiet weit ins östliche Mitteleuropa und sogar nach Osteuropa (Wolgadeutsche) aus. Diese Ausdehnung geschah teilweise durch gewaltsame Eroberungsfeldzüge, andererseits riefen zahlreiche ost- und ostmitteleuropäische Fürsten und Könige planmässig Siedler aus Deutschland, Flandern und anderen höherentwickelten Gebieten in ihr Land.
Die einheimische Bevölkerung vermischte sich meist rasch mit der zugewanderten, besonders im ländlichen Raum. In einigen Gebieten waren nur die Städte deutschsprachig, die Landbevölkerung sprach weiterhin ihre slawischen oder baltischen Sprachen. Hier passten sich die bäuerlichen Zuwanderer meist der Mehrheit an, gingen also im heimischen Volkstum auf.
Natürlich kam es bereits im Mittelalter zu Konflikten zwischen den Sprachgruppen, der Nationalismus und insbesondere Rassismus, der letztendlich zur Vertreibung führte, ist jedoch weitgehend eine Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Grosse Teile der Bevölkerung wurden nun germanisiert, allerdings geschah dies auch umgekehrt, besonders in Ungarn, Böhmen und Mähren.
Besonders von deutscher Seite entwickelte sich in der Folge ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den anderssprachigen Landsleuten, das schließlich im Rassenwahn der Nationalsozialisten gipfelte. Vor allem den Slawen wurde jegliche Zivilisationsfähigkeit abgesprochen, die Machthaber des Dritten Reiches planten gar die Versklavung und weitgehende Vernichtung dieser Volksgruppen. Das Schicksal der europäischen Juden zeigt eindrucksvoll, dass es im Falle eines deutschen Sieges mit Sicherheit nicht bei Absichtserklärungen geblieben wäre.
In Böhmen und Mähren waren die Grenzgebiete zu Deutschland und Österreich (Sudetenland)seit dem Dreißigjährigen Krieg überwiegend deutschsprachig. Deutsche Sprachinseln fanden sich auch im Landesinneren. Diese bis 1919 zu Österreich und Deutschland gehörenden Gebiete wurden durch das Betreiben tschechischer Nationalisten und der Unkenntnis der Siegermächte über die wirklichen Verhältnisse willkürlich dem neu gebildeten tschechoslowakischen Staat einverleibt. Dadurch kam es erwartungsgemäß zu Nationalitätskonflikten. Der Anschluss des Sudetengebietes 1938 an das Deutsche Reich wurde wegen der Diskreminierung der nationalen Minderheiten im tschechischen Staat von den "Deutschen" begeistert begrüsst.
Durch die Besetzung des tschechischen Staates 1939 (der Resttschechei) und der Unterdrückung der tschechischen Bevölkerung durch die neuen Machthaber eskalierte der Konflikt zwischen den Volksgruppen gegen Kriegsende immer mehr. Es kam nach dem russischen Einmarsch zu furchtbaren Pogromen tschechischer Milizen an der deutschen Bevölkerung (Brünner Todesmarsch). Die Überlebenden mussten oft innerhalb weniger Stunden, nur mit etwas Handgepäck, ihre Heimat verlassen.
Vertreibung und Situation in der Nachkriegszeit
Nach der Niederlage Deutschlands kam es mit dem Vormarsch der Roten Armee zu großen Flüchtlingsströmen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten (Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland). Verängstigt durch die nationalsozialistische Propaganda befürchteten viele Einheimische die grausame Rache der Sieger, die auch in schrecklichem Maße ausgeübt wurde. Es wurden zahlreiche Massaker an der deutschen Bevölkerung begangen. Nemmersdorf in Ostpreußen ist hierfür ein Beispiel. Die sowjetische Führung billigte dieses Vorgehen und leistete diesem sogar noch Vorschub. Davon zeugt ein Aufruf an die Rotarmisten (von Ehrenburg) mit dem Text: "Tötet, tötet!
Seit Oktober 1944 fand die sog. wilde Vertreibung statt. Ab 1946 erfolgte dann die organisierte Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Auch hierbei starben noch viele an Unterernährung und Krankheit. Die Zeit vom Kriegsende bis zur "Aussiedlung" verbrachten die Deutschen in ihrer Heimat unter ständigen Schickanen in völlig entrechtetem Zustand. Nur wenige konnten bleiben und siedelten erst im Zuge der Entspannungspolitik in die Bundesrepublik Deutschland über oder bilden noch heute kleine Minderheiten.
Nach dem Abschluß der Vertreibungsmaßnahmen wurden 1950 in der Bundesrepublik Deutschland 8,1 Mio. Heimatvertriebene gezählt, in der DDR (Ostzone) 4 Mio. Insgesamt wurden ca. 13 Mio. Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben und deportiert. Über 2 Mio. Flüchtlinge kamen beim Versuch, ihre Heimat zu verlassen, ums Leben. Insgesamt haben also ca. 15 Mio. Deutsche das Schicksal der Vertreibung erlitten. Das Ergebnis der im Mittelalter eingesetzten deutschen Ostbesiedelung wurde damit radikal zunichte gemacht.
Bald nach Ende des Krieges formierten sich in Deutschland und Österreich Gemeinschaften der Heimatvertriebenen. In der Regel bildete die gemeinsame Herkunft das verbindende und tragende Element. Es wurden Organisationen und Verbände gebildet (Landsmannschaften). In Deutschland bildete sich als Dachorganisation der Heimatvertriebenen der Bund der Vertriebenen. Er umfasst 21 Landsmannschaften, worunter die mitgliederstärksten dieSudetendeutsche Landsmannschaft und die Schlesische Landsmannschaft sind. Ab Ende der 40-er Jahre fanden dann auch in jährlicher Folge Bundestreffen der Vertriebenenverbände statt. Bekannt sind hier die großen Pfingsttreffen. In Bayern war die Zahl der Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland (vor allem aus dem Egerland)derart groß, dass man bald vom "Vierten Stamm Bayerns" sprach.
In Österreich fanden etwa 430.000 Vertriebene Aufnahme. Hier entstand bereits im Jahr 1945 der Verband der Volksdeutschen Landsmannschaften. Während in Deutschland die gesellschaftliche Bedeutung der Vertriebenen heute nur noch sehr gering ist, ist in Österreich die Verbundenheit mit dem Sudetendeutschen Teil der Bevölkerung (Südmähren)noch sehr präsent.
Zum Verlust der Heimat kam auch noch der Verlust von Hab und Gut. Am schlimmsten dürfte für die Heimatvertriebenen jedoch die Entwurzelung aus den gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen gewesen sein. Vor allem die Alten taten sich schwer, im fremden Land wieder Fuß zu fassen. Deutschland und Österreich sahen sich in der Pflicht, den Vertriebenen als besonders betroffener Bevölkerungsgruppe Hilfe zu leisten. In beiden Ländern wurden Lastenausgleichsgesetze erlassen (1952 und 1956). Soweit es finanziell möglich war, wurde damit ein Ausgleich für die materiellen Schäden und Verluste der Heimatvertreibenen geleistet.
In der Nachkriegszeit hatten die Vertriebenen meist nur selten Gelegenheit zu Besuchen in ihren alten Siedlungsgebieten. Da die neuen Bewohner - meist selbst Flüchtlinge oder Umsiedler - noch lange Angst vor der Rückkehr der deutschen Bevölkerung hatten, bzw. selbst auf eine Rückkehr in ihre Heimat hofften, unterblieben oft notwendige Instandsetzungsmaßnahmen an Bauwerken und der Infrastruktur der Vertreibungsgebiete, die deshalb oft bis in die Gegenwart ein trostloses Bild bieten. Dieser Umstand verstärkte seinerseits wiederum die Vorurteile vieler Heimatvertriebener.
Durch die Öffnung des Eisernen Vorhanges bietet sich heute die Chance, die jahrhundertelange gemeinsame Geschichte der Menschen in Mittel- und Osteuropa fortzusetzen. Diese gemeinsame Geschichte war meist zum Nutzen beider Seiten. Die heutige Bevölkerung kann die Vertreibungsgebiete endlich als "ihre" Heimat ansehen, die Vertriebenen müssen "ihr" Heimatrecht nicht aufgeben.
Siehe auch: Vertreibung, Nachkriegszeit
| Bild:Flag of Germany.svg | Dieser Artikel stellt nur die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Ländern zu schildern. |



