Emil Forrer

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Emil Orcitirix Gustav Forrer (* 19. Februar 1894; † 10. Januar 1986) war schweizerischer Assyriologe, Altertumskundler und Hethitologe.

Die Hethitologie begann sich gegen Ende des Ersten Weltkrieges, nach der Wiederentdeckung der hethitischen Sprache durch Bedřich Hrozný, zunehmend als eine eigene wissenschaftliche Disziplin innerhalb der Altorientalistik zu etablieren. Diese erste Phase der hethitologischen Forschung und die darauffolgenden zwei Jahrzehnte bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde durch eine kleine Gruppe vorwiegend in Deutschland tätiger Wissenschaftler bestimmt.

Zu diesem elitären Kreis gehörte seit 1917 der Schweizer Assyriologe und Keilschriftforscher Emil Orcitirix Forrer, dessen Leben und Werk heute selbst im Fach Hethitologie tätigen Wissenschaftlern en détail nicht mehr selbstverständlich vertraut sein dürfte. Dem Autor ist es durch langwierige Nachforschungen gelungen, den ältesten Sohn aus Forrers erster Ehe ausfindig zu machen und persönlich zu interviewen. Darüber hinaus fanden sich im Hause des Sohnes insgesamt 1937 Briefe und Dokumente seines Vaters aus der Zeit von 1916 – 1945, die es ermöglichen, einen persönlichen und in manchen Bereichen sehr intimen Blick in die Zeit der Entstehung der Hethitologie als selbständiger Wissenschaft zu gewinnnen. Ergänzend dazu steuerte das Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin auf Anfrage noch zahlreiche Dokumente aus seinem Fundus bei, die sich vor allem auf Forrers Promotion, Habilitation(sversuche) und seine offizielle Korrespondenz mit Vertretern der Universität beziehen.

In diesem Nachlassmaterial finden sich Briefwechsel mit nahezu allen vor dem Zweiten Weltkrieg tätigen namhaften Altorientalisten und Keilschriftforschern, aber auch mit Wissenschaftlern anderer Disziplinen, zu denen Forrer anscheinend über viele Jahre intensiven Kontakt hielt. Korrespondiert hat er u. a. mit (in Auswahl): William F. Albright, Theodor Bossert, Wilhelm Brandenstein, James Breasted, Franz Dornseiff, Erich Ebeling, Hans Ehelolf, Johannes Friedrich, Albrecht Götze, Bruno Güterbock, Oliver R. Gurney, Hans F.K. Günther, B. Hrozný, Franz Köcher, Paul Koschaker, Paul Kretschmer, Ernest Lachmann, Carl-Friedrich Lehmann-Haupt, Ernst Lewy, Oswald Menghin, Bruno Meissner, Piero Meriggi, Eduard Meyer, Max Freiherr von Oppenheim, Hans-Henning von der Osten, Anton Poebel, Hans Reinerth, Fritz Schachermeyr, Ferdinand Sommer, Arthur Ungnad, Otto Weber, Ernst F. Weidner und Hans Zimmern.

Zu den institutionellen Kontakten, die durch das Briefmaterial belegbar sind, gehören u. a. das Oriental-Institut in Chicago, das Bryn-Mawr-College in Bryn Mawr Pennsylvania, die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, das Collège de France, die Deutsche Morgenländische Gesellschaft, die Deutsche Orientgesellschaft, die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, die Universitäten zu Berlin, Zürich, Genf, Neuchatel und Brüssel, die Schweizerische Gesandtschaft zu Berlin, die türkische Regierung und viele mehr.

Darüber hinaus sind zahlreiche Briefwechsel mit Freunden und Bekannten erhalten, die zum einen das eher private Leben Emil Forrers beleuchten, zum anderen aber auch Hinweise und Erklärungen zu Vorhaben hethitologischer Art enthalten oder sich auf Reiseerlebnisse und Forschungsprojekte beziehen, die dort erläutert bzw. geschildert werden.

Durch das zahlreiche und sehr umfangreiche Material (siehe dazu weiter unten), das dem Autor nun vorliegt, sowie den intensiven Kontakt zu Familienangehörigen kann jetzt eine ausführliche Biographie Emil Orcitirix Forrers auf eine solide Basis gestellt werden, die einen wichtigen Beitrag zur Forschungsgeschichte der Hethitologie darstellen möchte und sich derzeit in Vorbereitung und kurz vor dem Abschluss befindet. Die biographische Würdigung des Lebens Emil Forrers soll Bestandteil eines umfangreicheren Projektes sein, das hier erstmals öffentlich gemacht wird. Im Verlauf der ersten Hälfte des Jahres 2003, so die Planungen, soll ein Band mit „Kleinen Schriften“ Emil O. Forrers von Peter Raulwing und dem Autor herausgegeben werden, der eine größere Auswahl seiner verstreut publizierten Aufsätze in einem Buch zusammenfassen wird. Vorangestellt wird dieser Aufsatzsammlung die eben skizzierte ausführliche Biographie Forrers, die sowohl sein wissenschaftliches wie sein nicht minder interessantes privates Leben beleuchten wird.

Das Material, auf dem die Biographie fußen wird, speist sich, wie bereits erwähnt, aus mehreren Quellen, die sich zum Teil ergänzen. Zum einen sind die zahlreichen Dokumente, Briefe, Memoranden und Notizen Forrers, die die Periode 1916 – 1945 umfassen, zum anderen handelt es sich um Interviewaussagen verschiedener Familienangehöriger sowie das Archivmaterial der Humboldt-Universität Berlin. Besonders interessant ist dabei ein sog. „Kopierbuch“, in welchem 902 Briefe aus der Hand Emil Forrers an zahlreiche Korrespondenzpartner auf dünnem Pergamentpapier erhalten sind, die Durchschläge handschriftlicher Originale darstellen. Der systematische Zugang zu diesen kopierten, eigenhändig verfassten Briefen erschließt sich durch ein separat angelegtes Register, das den Adressaten und die jeweilige Seitenzahl des Kopierbuches aufführt und die Auswertung des Briefkorpus deutlich erleichtert. Besonders diese Briefe, allen voran diejenigen an seinen Vater Robert Forrer sowie die Briefe an seine erste Frau Margarete Sommer („Gretl“), liefern tiefergehende Einblicke in die Frühzeit der Hethitologie in den Jahren 1917-1922 und über den Weg Forrers in diese neue Disziplin, die er nicht unwesentlich in dieser frühen Phase prägte. Forrer schildert dabei oft die Verhältnisse im Berliner Museum, wo die Boghazköi-Tafeln aufbewahrt und ausgewertet wurden, und seine Zusammenarbeit mit der Deutschen Orientgesellschaft in den frühen Zwanziger Jahren. Dabei erläutert er teilweise ausführlich seine Pläne und Absichten, die er für die eigene Zukunft hegt, und gibt eine persönlich gefärbte Sicht der Hethitologie und ihrer Protagonisten jener Zeit. Auch seine akademische Situation, insbesondere Promotion und Habilitation, und sein enges Verhältnis zu Eduard Meyer, seinem wichtigsten akademischen Lehrer und Mentor, läßt sich auf der Grundlage dieses Materials gut verfolgen. Hierzu ergänzt das Material des Archivs der Humboldt-Universität Berlin Lücken des Briefmaterials. Es finden sich fast alle offiziellen Unterlagen zum Promotionsverfahren, so zum Beispiel die Eröffnung und Meldung zum Verfahren, Einreichung der Promotionsschrift sowie die handschriftlichen Originalgutachten dazu seiner akademischen Lehrer Eduard Meyer und Friedrich Delitzsch. Aus den Archivdokumenten geht hervor, dass Emil Forrer im Jahre 1921 in München einen ersten Anlauf zur Habilitation unternommen hat und 1923 an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität in einem weiteren Versuch zunächst scheiterte, da seine Habilitationsschrift nicht angenommen wurde. Habilitiert für „Geschichte des Alten Orients und nicht semitische Keilschriftsprachen des alten Orient“ wurde er dann nach Ausweis eines Schreibens der Philosophischen Fakultät am 18. Mai 1925 in Berlin. Eine Anmeldung oder ein anderes offizielles Schreiben zu diesem Habilitationsverfahren liegt dem Autor nicht vor, aber aus dem erweiterten Lebenslauf, der einen Zusatz vom 20. Mai 1924 enthält, läßt sich das Thema der Habilitationsschrift entnehmen: „.....seither habe ich an der Ausarbeitung eines Buches über die Arzaova- und Lugga-Länder, Assuva und die Griechen nach den Boghazköi-Texten gearbeitet, von dem ich den ersten in sich abgeschlossenen Teil als Habilitationsschrift einreiche.“

Hierbei handelt es sich zweifellos um den ersten Teil seiner später im Selbstverlag erschienen „Forschungen“. Das Protokoll der Fakultätsratsitzung vom 2. März 1925 nennt als Titel von Forrers Probevortrag „Das Hatti-Reich und die Griechen“. Am anschließenden Kolloquium nahmen Eduard Meyer, Josef Markwart, Bruno Meissner sowie die Herren Wilcke und Schulze teil (beide ohne Nennung des Vornamens). Die Beschränkung der Venia Legendi auf nicht-semitische Keilschriftsprachen, die Forrer scheinbar widerstrebend beantragte, geschah „wegen der damals zu dichten Vertretung der semitischen Sprachen an der Universität Berlin.“

Bevor nun einige wichtige Stationen seines Lebens geschildert werden, die vielleicht auch dem einen oder anderen Fachvertreter neu sein dürften, scheint es mir erwähnenswert, welchen ungewöhnlichen Weg das briefliche Material Forrers seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges genommen hat, bevor es erst 1988 wieder in den Besitz der Familie Forrer gelangte.

Im Jahre 1988 fanden sich in einem alten Lagerhaus bei einer Aufräumaktion des Springer-Verlages in Berlin die Kisten mit den Briefen und Nachlässen Emil Forrers. Da der Lagerist mit dem Inhalt nichts anzufangen wusste, sandte er die Kisten nach Heidelberg zu einem Redakteur namens Michael Knoche, der, so scheint es, im weitesten Sinne “Historisches“ im Springer Verlag betreute. Er untersuchte das Material und stellte fest, dass der Inhalt nichts mit dem Arbeitsbereich des Springer-Verlags zu tun hatte, sondern das Thema hauptsächlich der Alte Orient war. Außerdem waren die Briefe immer an den gleichen Empfänger adressiert: Emil Forrer, Semnonenring 47, Erkner bei Berlin. Er recherchierte, dass es sich dabei um einen aus Straßburg stammenden Gelehrten handelte, der vor dem Zweiten Weltkrieg in Berlin tätig war.

Nach einigen weiteren Nachforschungen stellte Michael Knoche den Kontakt zu Odile Schaeffer-Forrer, der jüngsten Schwester Emil Forrers, in Paris her, die mit dem Ugarit-Ausgräber, Claude Schaeffer (1898 – 1982), verheiratet war. Mme Odile Schaeffer-Forrer konnte Aufklärung bezüglich der ominösen Kisten liefern und auch Auskunft darüber, wie sie in das Lagerhaus des Springer-Verlages gelangten.

Die Verbindung zwischen den Forrerschen Kisten und dem Springer-Verlag war ein Mann names Fritz Süffert, der ab 1936 Herausgeber der Zeitschrift “Naturwissenschaften“ bei eben diesem Verlag und darüber hinaus mit Marie Forrer, einer weiteren, jüngeren Schwester Emil Forrers verheiratet war.

Als Fritz Süffert 1945 für den Springer-Verlag ein Ausweichlager für die ausgebombten Lagerbestände des Verlages suchte und schließlich in Dahlem fand, muss auch sein Schwager Emil Forrer mit der Bitte an ihn herangetreten sein, persönliche Unterlagen und Briefe, wohl zunächst nur vorübergehend, dort einlagern zu dürfen. Diese blieben dort aber vergessen bis sie, 43 Jahre nach ihrer Einlagerung, dort von besagtem Lageristen gefunden wurden.

Emil Orcitirix Gustav Forrer wurde am 19. Februar 1894 in Strassburg geboren. Sein Vater war Robert F. Forrer (1866-1947), ein bekannter Prähistoriker und Kunstgeschichtler, Numismatiker und Archäologe, der an der dortigen Universität lehrte und auch dort das Museum für römische und vorgeschichtliche Altertümer gründete, dann als Direktor leitete und war darüber hinaus jahrzehntelang als Generalkonservator des Elsass tätig. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, die noch heute Handbuchcharakter besitzen und war einer der bedeutendsten Vertreter seines Faches im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. In diesem großbürgerlichen Milieu wuchs Emil Forrer als Drittgeborener mit seinen Geschwistern auf. Am ortsansässigen protestantischen Lyceum schloss er 1911 seine schulische Ausbildung mit dem Abitur ab. Über seine Jugend gibt es einige, auch publizierte Hinweise, die er in dem erwähnten maschinenschriftlichen Lebenslauf wie folgt zusammenfasst: „Alle Probleme und Methoden der Vorgeschichtsforschung und Archäologie sind mir infolgedessen (aufgrund der Tätigkeit des Vaters, Anm. des Autors) früh selbstverständlich geworden.“

Im Jahre 1912 immatrikulierte er sich in Strassburg für Geschichte, Ägyptologie und Assyriologie. Dort hörte er bei zahlreichen namhaften Gelehrten, wie zum Beispiel Assyrisch bei Carl Frank, Ägyptisch bei Wilhelm Spiegelberg, Arabisch und Neupersisch bei Enno Littmann sowie Altpersisch bei Albert Thumb.

Im Herbst 1913 siedelte Forrer im Alter von 19 Jahren nach Berlin über, um bei Eduard Meyer altorientalische Geschichte und bei Friedrich Delitzsch Assyriologie zu hören und dort zu promovieren. Dabei standen für Forrer wohl immer Fragen der Ethnologie und Geographie des Alten Orients im Mittelpunkt seines Interesses, so dass es nur konsequent erscheint, dass er für seine Doktorarbeit das Thema und den Titel „Die Provinzeinteilung des assyrischen Reiches“ wählte, mit der er 1917 promoviert wurde.

Schon 1917 nach erfolgreicher Promotion war es Ed. Meyer, der den jungen Forrer überzeugte, sich näher mit dem Hethitischen zu befassen, da diese noch junge Disziplin reichen wissenschaftlichen Ertrag versprach. Da Ed. Meyer gute Kontakte zum Berliner Museum pflegte sowie eine wichtige Rolle innerhalb der DOG spielte, stellte diese Forrer ab 1917 einen eigenen Arbeitsraum im Museum zur Verfügung und gewährte ihm schrankenlosen Zugang (scheinbar zu jeder Tages- und Nachtzeit) zu den Tontafeln aus Boghazköi. Mit heute noch bewunderungswürdigem Fleiss arbeitete sich Forrer in langen Arbeitssitzungen durch tausende von Tafeln und Fragmenten und legte dabei wohl sehr umfangreiche Verzettelungen an, auf die auch Ed. Meyer gern zurückgriff ,sortierte dabei auch erstmals das Material. Die ersten Ergebnisse dieser umfangreichen Studien publizierte Forrer 1919 in seinem Aufatz „Die Acht Sprachen der Boghazköi-Inschriften“, sowie in zwei weiteren Aufsätzen 1921 und 1922.

Zu seinen anfänglichen Förderern gehörte neben Eduard Meyer vor allem auch Otto Weber, der seit 1912 Kustos am Berliner Museum und in der Nachfolge Delitzschs Direktor der Vorderasiatischen Abteilung des Museums bis zu seinem Tode 1928 war. Ed. Meyer und O. Weber beteiligten Forrer ab 1920 an der Herausgabe der Texte in der Reihe „Keilschrifttexte aus Boghazköi“, deren 4. Heft aus der Feder Forrers stammt. Diese Periode und die folgenden Jahre zählen zu den produktivsten Emil Forrers. 1922 erschien seine Zeichenliste sowie seine zwei Bände mit der Herausgabe der historischen Texte in Umschrift, die auch und vor allem Keilschriftunkundigen den Zugang zu den Texten ermöglichen sollte, sowie die vieldiskutierten Ahhijawa-Aufsätze. In jenen Jahren, vor allem 1923, widmete sich Forrer bereits der Entschlüsselung des Hieroglyphen-Luwischen, das er „tabalisch“ nannte, wie auch die Korrespondenz mit Piero Meriggi (1899-1982) zeigt.

1926 unternahm Forrer eine durch private Zuwendungen und durch die Deutsche Orientgesellschaft finanzierte Forschungsreise zusammen mit dem Religionswissenschaftler Edmund Weigand nach Anatolien, die vor allem archäologische Zielsetzungen und die Lokalisierung von Siedlungen aus vorrömischer Zeit in Anatolien zum Ziel hatte.

Da aber Forrer auch nach seiner endlich erfolgreichen Habiltitation im Jahre 1925 ohne feste Anstellung blieb, begannen sich die finanziellen Sorgen, die bis auf wenige Ausnahmejahre sein ganzes Leben bestimmen sollten, deutlich bemerkbar zu machen. Die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft unterstützte Forrer zeitweise mit einem Privatdozentenstipendium.

Im Jahre 1929 wurde Forrer, der brieflichen Kontakt zu James Henry Breasted (1865-1935), dem Gründer des Oriental-Institute in Chicago, pflegte, auf eine dreijährige Gastprofessur (associate professor) nach Chicago berufen. Im Rahmen dieser Tätigkeit reiste er nach Kreta, um u. a. die minoischen Tontafeln zu studieren. Des Weiteren wurde er 1930 nach Paris gesandt, um sich mit den Keilschriftfunden aus Ras Shamra zu befassen sowie sich grundlegende Kenntnisse der Grabungsmethodik in Megiddo anzueignen. Auch bereiste Forrer im Sommer 1930 Zypern, um dort eine in Aussicht genommene Grabung zu sondieren. Im Anschluss daran, im Herbst 1930, unternahm er eine Forschungsreise nach Kleinasien, die der „weiteren Klärung der Lage der Bibliotheksstadt Arinna“ galt. Schließlich publizierte Forrer während seines Aufenthaltes in Chicago seine Ergebnisse zur hethitischen Bilderschrift, die methodisch auch heute noch überzeugen.

Emil Forrer wurde im Anschluss an seine Chicagoer Zeit im Mai/Juni 1933 von den Universitäten Genf und Lausanne eingeladen, je zehn Vorträge über die „Ursprünge der Kulturen, Völker und Sprachen des Alten Orients“ zu halten. Diese gut honorierten Vortragsreihen verdeutlichen, dass Emil Forrer durchaus, wenn auch eher im Ausland, eine verdiente Wertschätzung genoss.

In diesen Kontext passt auch das Angebot der Johns Hopkins Universität in Baltimore für das Wintersemester 1933/34 (Oktober-Januar). Forrer hatte in dieser Zeit eine vertretende Gastprofessur für Assyriologie und Semitistik inne und nutzte diesen Aufenthalt, wie die Briefe zeigen, die USA ausgiebig mit dem Auto zu bereisen. Dort rückten zum ersten Mal ernsthaft die mittelamerikanischen Kulturen, insbesondere die Maya-Kultur, in den Mittelpunkt seines wissenschaftlichen Interesses.

Direkt im Anschluss an den Aufenthalt in Baltimore wurde Forrer als „Expedition Advisor“ im Auftrage des Bryn Mawr College, Pennsylvania, unter Vertrag genommen, wo er mithalf, eine Kilikien-Expedition vorzubereiten und anschließend selbst daran teilnahm.

Allerdings stagnierte die Karriere Forrers in den folgenden Jahren und er hielt sich mit Lehraufträgen, Dozentenbeihilfen und finanziellen Unterstützungen der Schweizer Botschaft über Wasser. Eine zunächst ausgesprochene Übernahme in den Beamtenstatus durch das Ministerium des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung als Dozent der Berliner Universität vom 11. Dezember 1939 wurde am 11. Mai 1940 widerrufen, da sich Forrer trotz gegebener Zusage weigerte, seine Schweizer Staatsbürgerschaft niederzulegen.

Während des Krieges hielt Forrer aber bis zum WS 1944 regelmäßig Lehrveranstaltungen ab. In den Kriegswirren und im Kampf um Berlin blieb Forrer solange es ging in Erkner. In den Jahren 1940/1941 arbeitete er für die militärgeographische Abteilung des Oberkommandos der Wehrmacht an einem geheimen Projekt zur Erstellung spezieller Landkarten für den Einsatz der Panzerwaffe mit und fertigte militärgeographische Karten für den Vorderen Orient an.

Wie aus einem Tagebuch seiner damaligen Frau, Dorothea Forrer-Haupt, hervorgeht, bemühte sich Forrer direkt nach Kriegsende um die Position des Direktors der Vorderasiatischen Abteilung des Berliner Museums. Er erstellte für eine Abteilung der Roten Armee sowie für das kommissarisch eingesetzte Direktorengremium des Museums im Juni und Juli 1945 Berichte über den Zustand des Inventars der Vorderasiatischen sowie der Ägyptischen Abteilung und entwarf in einer Denkschrift die zukünftige Ausgestaltung und Organisation des Museums und dessen Stellung im Berliner Wissenschaftsbetrieb. Das Stellungsgesuch Forrers scheiterte jedoch, wie Dorothea Forrer-Haupt enttäuscht niederschrieb, am Widerstand der verbliebenen Direktoren des Museums: „ das Stellungsgesuch wurde nicht genehmigt und man erklärte das vertraulich so, dass die Herren Direktoren des Museums erklärt hätten, sie könnten nicht mit E. Forrer zusammenarbeiten. Sie würden bei Anstellung von Eo geschlossen ihre Ämter niederlegen. Begründungen dieser Behauptung fehlen!“ (Tagebuch Dorothea Forrer-Haupt).

Nach dieser erneut herben Enttäuschung und ohne Aussicht auf eine einträgliche Beschäftigung verließ Forrer im August 1945 mit seinem ältesten Sohn und seiner Frau Berlin mit einem Konvoi für „Displaced Persons“ des Schweizer Roten Kreuzes Berlin in Richtung Schweiz, allerdings nicht ohne vorher eine Vernehmung durch amerikanisches Militär über sich ergehen lassen zu müssen. Dort hatte Forrer zu erklären, warum er als Schweizer Staatsbürger bis Kriegesende im nationalsozialistischen Deutschland geblieben war.

Forrer fand nach seiner Ausreise und einem Zwischenaufenthalt in einem Internierungslager der Schweizer Armee Unterkunft in Zürich. Dort bemühte er sich erfolglos um eine entsprechende Position an der dortigen Universität.

Zu dieser Zeit reifte durch die Lektüre der antiken Autoren Theopompos und Aelianus die Idee, die ihn von nun an für den Rest seines wissenschaftlichen Lebens verfolgte und die er „Meropis-Forschung“ nannte. In einem Dialog zwischen Midas und Silenus schildert Aelianus, dass Europa, Asien und Afrika Inseln seien, die aus einem alten Kontinent hervorgegangen sind, den er Meropis nannte. Forrer baute diese Idee zu einer Theorie aus und suchte nach wissenschaftlichen Beweise für früheste Kontakte zwischen Amerika und Europa.

Im Jahre 1949 entschied Forrer sich, vom Wissenschaftsbetrieb in Europa enttäuscht, mit seiner Frau nach Mittelamerika auszuwandern. Mit dem Erbe seines 1947 verstorbenen Vaters Robert Forrer machten sich die beiden mit dem Schiff auf den Weg in die USA (New York) und fuhren anschließend mit dem Zug nach New Orleans, wo sie einen Jeep und einen Camping-Trailer erstanden. Über Texas und Mexiko reisten sie nach Mittelamerika (Honduras, Guatemala und El Salvador), um sich ganz der Erforschung der mittelamerikanischen Kulturen zu widmen. Dies führte ihn kurzzeitig an die neugegründete philosophische Fakultät der Universität San Salvador, an der er eine Stelle annahm und sich die archäologische Erschließung der Comayagua-Täler in Honduras zur Aufgabe machte. Aber auch dieses vielversprechende Engagement wurde durch grundlegende Veränderungen an der Universität wieder zunichte gemacht. Forrer ließ sich in El Salvador nieder und baute mit seiner Frau dort in eigenhändiger Arbeit ein Haus. Das Leben dort gestaltete sich jedoch zunehmend zu einem harten Kampf um die Existenz für die vielköpfige Familie. Emil Forrer wurde in El Salvador noch insgesamt sieben Mal Vater. Er arbeitete u. a. als freier Autor für die Tageszeitung Diario del Hoy und publizierte zwischen 1949 und 1966 mehr als 200 Zeitungsartikel über eine Vielzahl von Themen. Meist waren es populärwissenschaftliche Darstellungen, die in verständlicher Sprache für ein breiteres Publikum gedacht waren und vom Vulkanismus, über Planetenkonstellationen bis hin zu einem U-Bahn-Projekt für San Salvador reichten.

Aufgrund seiner Kenntnisse in den älteren Sprachstufen des Spanischen wurde er 1967 vom salvadorianischen Außenministerium bauftragt, um in historischen Dokumenten nach Argumenten im Grenzstreit zwischen El Salvador und Honduras zu suchen. Bei dieser Gelegenheit lernte Mr. Earl H. Lubensky - zu dieser Zeit in Diensten der amerikanischen Botschaft in El Salvador - Emil Forrer kennen und knüpfte engeren Kontakt zu ihm. Er verfasste 1984 eine bis heute unpubliziert gebliebene Biographie, die vor allem hinsichtlich der Zeit nach 1949, also der mittelamerikanischen Periode von Forrers Leben, Neues enthält. Forrer hat auch in El Salvador einige Bücher im Selbstverlag erscheinen lassen, die sich vor allem auf die Meropis-Forschung und die Kulturkontakte zwischen Amerika und dem alten Europa konzentrieren. Einiges davon hat auch über familäre Kontakte den Weg nach Europa gefunden und ist u. a. in der Schweizer Nationalbibliothek eingestellt. Emil Forrer starb am 10. Januar 1986 im Alter von 91 Jahren in San Salvador.


Bibliographische Auswahl

  • Zur Chronologie der neuassyrischen Zeit, J. C. Hinrichs, Leipzig 1916
  • Die Provinzeinteilung des Assyrischen Reiches, J. C. Hinrichs, Leipzig 1920
  • Keilschrifttexte aus Boghazköi, 4. Heft, 1920
  • Homerisch und Silenisch Amerika, Selbstverlag, San Salvador 1975

Literatur

  • Johannes Renger: Die Geschichte der Altorientalistik und der vorderasiatischen Archäologie in Berlin von 1875 bis 1945. in: Berlin und die Antike. Architektur, Kunstgewerbe, Malerei, Skulptur, Theater und Wissenschaft vom 16. Jahrhundert bis heute (W. Arenhövel, C. Schreiber, Hgg.), Deutsches Archäologisches Institut, Berlin 1969
  • B. Schnitzler: Robert Forrer (1866 – 1947). Archéologue, écrivain et antiquaire, Strasbourg 1999 (Societé Savante d’Alsace et Musées des Strasbourg. Recherche et documents, tome 65 Szemerényi, O.)

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