Gilles Deleuze

aus Freepedia, der freien Wissensdatenbank

(Weitergeleitet von Deleuze)

Gilles Deleuze [ˈʒil dəˈløz] (*18. Januar 1925 in Paris, †4. November 1995 ebenda) war ein französischer Philosoph.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Gilles Deleuze wurde in Paris geboren und verbrachte dort fast die gesamte Zeit seines Lebens. Während des Zweiten Weltkriegs besuchte er das Lycée Carnot sowie für ein Jahr die Eliteschule Henri IV. Deleuze studierte von 1944 bis 1948 Philosophie an der Sorbonne, unter anderem bei Ferdinand Alquié, Georges Canguilhem, Maurice de Gandillac und Jean Hyppolite.

Während der 1950er Jahre lehrte Deleuze an verschiedenen Gymnasien, wie es der üblichen Akademikerkarriere entsprach. 1957 trat er eine Stelle an der Sorbonne an. Er hatte bereits seine erstes Buch über Hume veröffentlicht. Wie bei vielen zeitgenössischen Philosophen, insbesondere seinem Lehrer Canguilhem, galt seine Arbeit der Kritik am Rationalismus und am Essentialismus. Deleuze engagierte sich jedoch nicht in den philosophischen Trends der Nachkriegszeit, wie Phänomenologie oder Strukturalismus.

Von 1960 bis 1964 hatte Deleuze eine Anstellung am Centre National de Recherche Scientifique. Während dieser Zeit beschäftigte er sich mit Nietzsche und Henri Bergson und veröffentlichte Nietzsche und die Philosophie. Er schloss eine enge Freundschaft mit Michel Foucault und gab mit ihm zusammen die kritische Gesamtausgabe von Friedrich Nietzsche heraus. Von 1964 bis 1969 war er Professor an der Universität von Lyon. Im Jahr der Studentenrevolte 1968 reichte er seine Dissertation Differenz und Wiederholung und seine Zweitthese Spinoza und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie ein. Nachträglich wurden diese Arbeiten als einer der ersten und fruchtbarsten Versuche erkannt, die Studentenrevolte philosophisch zu begreifen.

1969 erhielt er dann eine Stelle an der Universität von Paris VIII, einer Reformuniversität, die viele herausragende Gelehrte anzog, darunter auch Michel Foucault und Félix Guattari. Mit dem Psychiater Guattari schloss er eine tiefe Freundschaft, die langjährige fruchtbare Zusammenarbeit mit sich brachte. Während der 1970er Jahre veröffentlichen sie gemeinsam die bahnbrechenden Arbeiten Kapitalismus und Schizophrenie I+II.

1970 beteiligte er sich an Foucaults Arbeitskreis zur Situation der Gefangenen in Frankreich und demonstrierte mit Sartre und Jean Genet gegen rassistische Gewalt und für die Rechte der Einwanderer.

Im Alter von 62 Jahren zog er sich 1987 von seiner Universitätsstelle zurück. 1992 stirbt Félix Guattari. Wegen einer schweren Atemwegserkrankung, die seit Jahrzehnten seine Gesundheit zerstörte, wählte Gilles Deleuze am 4. November 1995 den Freitod.

Werk

Deleuze steht in der langen Tradition europäischer Denker, die sich mit der Kritik des Essentialismus beschäftigten (Spinoza, Nietzsche). Was sollte jedoch an dessen Stelle treten? Für Deleuze war dies das All-Eine, die Totalität von Allem, die das gesamte physikalische Universum und seine Möglichkeitsbedingungen umfasst. Deleuze richtete sich damit auch gegen den Platonismus. Platons Auffassung war, dass die Dinge der Welt nur unvollkommenen Manifestationen von Ideen seien, die selbst vollkommen, ewig und unveränderlich sind. Deleuze setzte dem seine Vorstellung von der Welt des Virtuellen entgegen. Jede Realisierung von Gegenständen in der Welt ist ein Nexus (Ort eines Verbundenseins) von Virtualitäten, die notwendigerweise unvollkommen miteinander interagieren. Da sie unvollkommen sind, stören sie auch die zukünftige Realisierung von Virtualitäten.

In politischer und moralischer Hinsicht ist diese Auffassung für Deleuze eine Verpflichtung, den Faschismus und den Kapitalismus abzulehnen. Beide erscheinen als Versuche, die Instabilität der physischen Welt zu leugnen und die Möglichkeiten der Realisierung einzuschränken. Stattdessen solle man die Instabilität und Unvollkommenheit der realen Welt akzeptieren und sich frei durch die Realisierungen der Virtualität bewegen.

Deleuze' Werk trägt daher Züge eines Anti-Hegelianismus. Es ist für ihn nicht die Dialektik der Willen (von Herr und Knecht), die Veränderung hervorbringt, sondern interne, immanente Differenz. Von Henri Bergson übernimmt Deleuze die Idee der Dauer, die Körperzeit, in der der Körper selbst Differenz hervorbringt, ohne dafür Anstoß von außen zu benötigen. Begriffe sind für ihn nicht Ideen (im Sinne Hegels), die die reale Welt transzendieren und dadurch negieren, sondern sie stehen an einer Bruchstelle zwischen den Gegenständen, die Veränderung und Durchdringung ermöglicht. Der Begriff ermöglicht neue Verbindungen zwischen den Dingen, indem es ihre virtuellen Unbestimmtheiten verknüpft. Es ist somit in positivem Sinne produktiv. Deleuze' Philosophie kennt keine Negation in Hegels Sinne; sie trägt die Züge reiner Affirmation der Verknüpfung des bisher Unverbundenen.

Zwei Schlüsselwerke von Deleuze, die beiden Bände von Kapitalismus und Schizophrenie, sind in gleichem Maße Arbeiten von Félix Guattari. Anti-Ödipus (Band I) versteht sich als Kritik der Psychoanalyse von Jacques Lacan und Sigmund Freud. Die Psychoanalyse erscheint hier als Instrument der Aufrechterhaltung von (u.a. kapitalistischer) Dominanz und Repression, vor allem durch die Unterwerfung des Subjekts unter die phallische Struktur der Kultur. Dagegen entwerfen Deleuze und Guattari das Konzept der Wunschmaschine, ein maschinell gedachtes Unbewusstes, das, anders als in der Psychoanalyse, nicht sprachlich strukturiert ist. Das Subjekt ist demnach nicht vom Mangel gekennzeichnet (wie bei Lacan), sondern vom positiven Wunsch.

In Tausend Plateaus (Band II) wird die philosophische Tradition des Rationalismus, vor allem der Hegelianismus, einer radikalen Kritik unterzogen. Deleuze und Guattari propagieren Heterogenität, Vielheit, nomadische Wissenschaft und den organlosen Körper. Ihr wichtigster Begriff, das Rhizom, soll eine Alternative zum Baum des Wissens bieten, der seit Platon das zentrale Modell für die hierarchische Organisation der Wissenschaften war. Er wurde jedoch vor allem auch in der Medientheorie als Metapher zur Beschreibung von Hypertext-Netzwerken verwendet. Nomadische Wissenschaft ist für Deleuze und Guattari der positive Gegenbegriff zur monarchischen Wissenschaft. Damit bezeichnen sie zwei Modelle von Macht. Monarchische Wissenschaft trennt zwischen Macht und Handlung, was zur Arbeitsteilung zwischen intellektueller und körperlicher Arbeit führt. In der nomadischen Wissenschaft bleiben sie dagegen vereint.

Seine beiden filmtheoretischen Bände Bewegungsbild und Zeitbild (Kino I und II) stellten einen Bruch mit einem semiotischen Filmverständnis (und zugehöriger Filmkritik) dar und propagierten ein Kino, das auch als philosophische Praxis verstanden werden soll, Deleuze erwies sich dabei als profunder Kenner der Filmgeschichte.

Deleuze' Schriften entziehen sich der leichten Lesbarkeit, was einem artifiziellen, hochkomplexen und assoziativen Schreibverfahren geschuldet ist. Viele wollen nicht linear gelesen werden, sondern präsentieren sich als Netz mit einander verbundener "Plateaus". Seine Schriften befassen sich eklektisch mit so unterschiedlichen kulturellen Gebieten wie Psychoanalyse, Anthropologie, Sprachwissenschaft, politischer Ökonomie, Soziologie, Geschichte, Biologie, Musik, Kunst, Literatur, Architektur und Kino. Mit Enthusiasmus wurden sie als praktisch universales Begriffsinstrumentar in den theorielastigen Geisteswissenschaften aufgenommen, vor allem in Medientheorie, ästhetischer Theorie, Literaturwissenschaft, Cultural Studies und Gender Studies, aber auch politisch im Neoanarchismus und im Postoperaismus. Zeitgenössische Denker, bei denen sein Werk eine bedeutende Rolle spielt, sind Eric Alliez, Seyla Benhabib, Homi K. Bhabha, Manuel De Landa, Fredric Jameson. Antonio Negri, Edward Said, Peter Sloterdijk und Slavoj Žižek.


Gilles Deleuze und das Kino


Gilles Deleuze betrachtet die Bewegung des Films als ein dem Film inhaernten sowie transzendierenden Moment. Er unterscheidet in der Kinogeschichte massgeblich zwischen 2 Phasen, die sich beide durch die Beziehung der Bilder zur Bewegung heraus ergeben: Das Bewegungs-und das Zeitbild. Der ersteren und aelteren Bildart ist die Bewegung inhaerent. Sie zeigt sie durch kontinuierliche Schnitte und praesentiert somit eine einheitliche Weltvorstellung. Das Zeitbild hingegen transzendiert das Moment der Zeit und arbeitet mit diskontinuierlichen Montagepraxisen. Dadurch wird die Konstruktion von filmischer Zeit und Raum offenbar. Eine Welt, gepraegt von Diskontinuietaet und fehlender Ordnung offenbart sich dem Betrachter. Als erstes gelingt es einigen avantgardistischen Montageschulen ein indirektes Zeitbild zu erschaffen. Den Uebergang zu dieser neuen Darstellungsart meistern sie indem sie in der Struktur des Bewegungsbildes bestimmte Momente der Hervorheben. Sie verfolgen damit eine inhaltlich motivierte Konfliktstruktur. Im amerikanischen Film wird dies durch Duellstruktur und Parallelmontage ausgedrueckt mi_m2342/is_3_32/ai_55082385/pg_4 - 29k, im sowietietischen Film durch die dialektische Beziehung (siehe hierzu Sergei Michailowitsch Eisenstein) deutschen Impressionismus durch die alternierende Montage und im deutschen Expressionismus durch den Konflikt von Licht und Schatten (siehe hierzu Stummfilm). Diese Uebergangsphase des Kinos "macht nicht mehr aus der Zeit das Mass der Bewegung sondern aus der Zeit eine Perspektive der Zeit." (G. Deleuze)


Schriften (Auswahl)

  • Nietzsche und die Philosophie, München 1976 (orig. 1962)
  • Kants kritische Philosophie, Berlin 1990 (orig. 1963)
  • Proust und die Zeichen, Frankfurt a.M. 1993 (orig. 1964)
  • Bergson zur Einführung, Hamburg 1989 (orig.1966)
  • Spinoza und das Problem des Ausdrucks, München 1993 (orig. 1968)
  • Die Logik des Sinns, Frankfurt a.M. 1989 (orig. 1969)
  • Differenz und Wiederholung, München 1992 (orig. 1969)
  • (mit F. Guattari) Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt a.M. 1974 (orig. 1972)
  • (mit F. Guattari) Kafka. Für eine kleine Literatur, Frankfurt a.M. 1976 (orig. 1975)
  • (mit F. Guattari) Rhizom, Merve Verlag Berlin, 1977 (Vorwort zu Tausend Plateaus)
  • (mit F. Guattari) Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin 1992 (orig. 1980)
  • Logik der Sensation. Francis Bacon, München 1995 (orig. 1981)
  • Das Bewegungs-Bild. Kino I, Frankfurt a.M. 1989 (orig. 1983)
  • Das Zeit-Bild. Kino II, Frankfurt a.M. 1990 (orig. 1985)
  • Spinoza. Praktische Philosophie, Berlin 1988 (orig. 1981)
  • Foucault, Frankfurt a.M. 1987 (orig. 1986)
  • Die Falte. Leibniz und der Barock, Frankfurt a.M. 2000 (orig. 1988)
  • Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt a.M. 1993 (orig. 1990)
  • Was ist Philosophie, Frankfurt a.M. 1996 (orig. 1991)
  • Kritik und Klinik, Frankfurt a.M. 2000 (orig. 1993)

Literatur zur Einführung

  • Friedrich Balke: Gilles Deleuze. Frankfurt a.M 1998, ISBN 3-593-35980-4
  • Marvin Chlada (Hrsg.): Das Universum des Gilles Deleuze. Eine Einführung. Alibri, Aschaffenburg 2000, ISBN 3-932710-22-3
  • Christian Jäger: Gilles Deleuze. Eine Einführung. Wilhelm Fink (UTB für Wissenschaft), München 1997, ISBN 3-8252-1985-2
  • Michaela Ott: Gilles Deleuze zur Einführung. Junius, Hamburg 2005, ISBN 3-88506-603-3

Zitat

Findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt. Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Weise. Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art des Lesens. In einem Buch gibts nichts zu verstehen, aber viel, womit man etwas anfangen kann. Ein Buch muss mit etwas anderem eine Maschine bilden, es muss ein kleines Werkzeug für ein Aussen sein. Keine Repräsentation der Welt, auch keine Welt als Bedeutungsstruktur. (Deleuze/Guattari, Rhizom)
Eines Tages vielleicht wird ein deleuzianisches Zeitalter anbrechen. (Michel Foucault)

Weblinks

Bild:Wikiquote-logo.png Wikiquote: Gilles Deleuze – Zitate


Views
'Persönliche Werkzeuge
Werkzeuge
Andere Sprachen
Ähnliche Links