Baum des Wissens

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Als Baum des Wissens bezeichnet man ein klassisches epistemologisches Ordnungssystem, das der botanischen Semantik entlehnt ist; es geht zurück auf die aristotelische Kategorienlehre und wurde im Arbor porphyriana in Porphyrs Isagoge erweitert und präzisiert.

Der Baum des Wissens wird traditionell mit einer Baummetaphorik veranschaulicht und kann visualisiert werden mit einem Baumdiagramm (einem Entscheidungsbaum oder einem Dendrogramm).

Inhaltsverzeichnis

Baum des Wissens als Dispositionsmetapher

Die meisten spätantiken und mittelalterlichen Enzyklopädien bedienen sich der Metapher des Baums des Wissens zur systematischen Disposition des Wissens. Ein typisches Baummodell nach der aristotelisch-ramistische Methode ist Theodor Zwingers Theatrum humanae vitae (1565; vgl. Ramismus). Eine praktische Anwendung dieses Systems findet sich auch im Arbre de ciència (um 1295/96, veröffentlicht in lateinischer Sprache 1482) von Raimundus Lullus.

Ein Vorläufer der Visualisierung als Baum ist die Darstellung der Sieben Freie Künste als Kreis, beispielsweise im mittelalterlichen Hortus deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180).

Als Baum der Wissenschaft bezeichnete Descartes das große Buche der Welt, was für ihn die Gesamtheit des Wissen und der Wissenschaften bezeichnete.

Stammbaum menschlichen Wissens in der "Encyclopédie"

Die Encyclopédie ist die letzte bedeutende Enzyklopädie, die einen Stammbaum des Wissens nach Art Francis Bacons (vgl. Stammbaum der Wissenschaften) bietet, aber bereits an mehreren bedeutsamen Stellen von diesem abweicht; sie leitet damit einen "erkenntnistheoretischen Richtungswechsel [ein], der die Topographie allen menschlichen Wissens verwandelte" (Robert Darnton); das Système figuré des connoissances humaines bildet einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der inneren Logik der Encyclopédie.

Kritik

In der Neuzeit wurde das klassische Ordnungssystem fundamental hinterfragt; Wittgenstein bewies die Unmöglichkeit einer hierarchischen Klassifikation bestimmter Kategorien und führte als Alternative den Begriff der Familienähnlichkeit ein.

Auch der Philosoph Michel Foucault kritisiert in Die Ordnung der Dinge (1974) die Fragwürdigkeit jeglicher Kategoriensysteme, da sie einer Raum-Zeit-Gebundenheit unterliegen; er zeigt in seiner Archäologie des Wissens, dass jedes Kategoriensystem willkürlich wirkt, wenn es von einer Außenperspektive aus betrachtet wird (vgl. Taxonomie).

Weitere postmoderne Kritik äußerten Deleuze und Guattari, die als neue Wissensmetaphern das Rhizom einführten. Alternativ wird auch oft das Netzwerk in diesem Zusammenhang genannt.

Literatur

  • Fernando Domínguez Reboiras u.a. (Hrsg.): Arbor scientiae, Der Baum des Wissens von Ramon Lull: Akten des Internationalen Kongresses aus Anlaß des 40-jährigen Jubiläums des Raimundus-Lullus-Instituts der Universität Freiburg i. Br. (Subsidia Lvlliana; 1). Turnhout: Brepols, 2002. ISBN 2-503-51215-1
  • Alexandre Saint-Yves d'Alveydre: L'Archéomètre. 1903

Siehe auch:

Epistemologie, Iconographia universalis, Schediasma, Spätscholastik, Ramismus, Cartesianismus, Baum der Erkenntnis, Baum (Graphentheorie), Einzelwissenschaft, Universalwissenschaft



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