Appropriation Art

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Appropriation Art (englisch "appropriation" = Aneignung) ist eine Kunstrichtung der Postmoderne. Sie wird meist zur Conceptual Art gezählt, weil das Verständnis der zugrunde liegenden Überlegungen und Theoreme wichtig für ihr Verständnis ist.

Im engeren Sinn spricht man von Appropriation Art, wenn Künstler bewusst und mit strategischer Überlegung die Werke andererer Künstler kopieren, wobei der Akt des Kopierens und das Resultat selbst als Kunst verstanden werden sollen (andernfalls spricht man von Plagiat oder Fälschung).

Im weiteren Sinne kann Appropriation Art jede Kunst sein, die sich mit vorgefundenem ästhetischem Material beschäftigt, z.B. mit Werbefotografie, Pressefotografie, Archivbildern, Filmen, Videos etc. Es kann sich dabei um exakte, detailgetreue Kopien handeln; es werden aber auch oft in der Kopie Manipulationen an Größe, Farbe, Material und Medium des Originals vorgenommen.

Diese Aneignung geschieht in der Appropriation Art meist in kritischer Absicht. Ohne diese kann man auch von einer Hommage sprechen.

Inhaltsverzeichnis

Appropriation Art

Arbeiten der Appropriation Art beschäftigen sich meist mit abstrakten Eigenschaften von Kunstwerken und des Kunstmarktes selbst. Sie problematisieren durch den Akt der Aneignung fundamentale Kategorien der Kunstwelt wie Autorschaft, Originalität, Kreativität, geistiges Eigentum, Signatur, Marktwert, Museumsraum (sog. White Cube), Geschichte, Geschlecht/Gender, Subjekt, Identität und Differenz. Dabei konzentriert sie sich auf Paradoxien und Selbstwidersprüche und macht diese sichtbar und ästhetisch erfahrbar.

Die individuellen Strategien einzelner Künstler differieren sehr stark, so dass ein einheitliches Gesamtprogramm nicht leicht auszumachen ist. Viele Künstler, die der Appropriation Art zugerechnet werden, bestreiten, Teil einer "Bewegung" zu sein. "Appropriation Art" ist demnach nur ein Label, das in der Kunstkritik seit den frühen 80er Jahren benutzt wird und durchaus umstritten ist.

Die eingesetzten Techniken sind vielfältig. Appropriation wird u. a. mit Malerei, Fotografie, Filmkunst, Skulptur, Collage, Environment und Happening/Performance betrieben.

Künstler

Beispiele

  • Elaine Sturtevant kopierte in den frühen 1970er Jahren Werke u. a. von Robert Rauschenberg, Andy Warhol, Jasper Johns und Frank Stella mit Siebdruck bzw. Farbe, also in den Originaltechniken. Es wird überliefert, dass ihr einige Künstler, die sie kopierte, Ratschläge zur Technik gaben. Andy Warhol soll ihr sogar seine Originalsiebe geschenkt haben. Sturtevant sagt selbst, dass sie dem Zwang zur Originalität, der auf jedem Künstler lastet, entkommen möchte, indem sie diese Kategorie mit den Mitteln der Kunst erforscht.
  • Louise Lawler fotografierte Kunstwerke in den Wohnzimmern von Kunstsammlern und in Museen in situ, also mit ihrer jeweiligen Umgebung. Damit zeigt sie, in welchem Kontext Kunst rezipiert wird und wie sie in Räumen inszeniert wird.
  • Eine Fotoserie von Cindy Sherman sind die "History Portraits", auf denen sie sich nach Art Alter Meister kostümiert und inszeniert. Sie begibt sich damit vorübergehend in historische Rollen von Frauen und Männern. Dabei verwendet Sherman häufig bewusst schlampige Kostümierungen und grobes Make-up, so dass die Inszeniertheit im Bild erkennbar bleibt. Die "History Portraits" kann man als Kommentar zur Kunstgeschichte verstehen, in der Frauen meist nur als Modelle, also Objekte für den Blick männlicher Maler dienten; zugleich stellen sie auch Fragen nach der historischen Konstruktiertheit von Identität, Weiblichkeit und Männlichkeit (siehe Gender, Selbstporträt).

Mittlerweile gibt es eine zweite Generation von Approprations-Künstlern, deren Kunststrategie darin besteht, die Werke der ersten Generation zu kopieren.

  • Die Künstlerin Sherrie Levine wurde 1979 bekannt mit einer Appropriation der Fotografien von Walker Evans, die sie aus Bildbänden abfotografierte und unter dem Titel "After Walker Evans", aber unter ihrem Namen ausstellte. Im Jahr 2001 wiederholte Michael Mandiberg diese Aktion: Er fertigte fotografische Kopien von Sherrie Levines "Re-Fotografien" an und präsentierte sie unter dem Titel "After Sherrie Levine" (siehe Weblinks).
  • Der japanische Künstler Yasumasa Morimura inszenierte sich selbst nach Fotografien von Cindy Sherman, auf denen sie sich selbst in verschiedenen Verkleidungen und Rollen porträtierte ("Film Stills"). Da Sherman als Frau auf ihren Bildern oft in männliche Rollen schlüpft, Morimura jedoch als Transvestit auftritt, wird das Verwirrspiel geschlechtlicher Identität noch weiter gesteigert.

Philosophie

Philosophisch stehen die konzeptuellen Strategien der Appropriation Art der Dekonstruktion, der Medientheorie und der Intertextualität nahe. Künstlerische Techniken wie Zitat, Anspielung, Travestie, Parodie und Pastiche, die generell als Merkmale der Kunst der Postmoderne gelten, können in Werken der Appropriation Art aufgefunden werden. Da viele Strategien der Appropriation Art auf das Kunstsystem selbst ausgerichtet sind, kann man auch von Metakunst oder vom Selbstreflexivwerden des Kunstsystems sprechen (siehe Systemtheorie). Sie gehört damit zu den Kunstrichtungen, die aktiv die Bedingungen und Grenzen der Kunst ausloten und das Kunstsystem zwingen können, sich neu zu definieren.

Recht

Ein Werk der Appropriation Art kann auch im Sinne des Urheberrechts geschützt sein, selbst wenn es einem bereits existierenden Werk eines anderen Künstlers bis ins Detail gleicht. Die schützbare kreative Leistung besteht dann in der Entwicklung des Konzepts und der eigenständigen Strategie des kopierenden Künstlers. Betrug oder Täuschung sind von den Künstlern nicht beabsichtigt. Genau wie das Sampling oder die Coverversion in der Musik bewegt die Appropriation Art sich jedoch in Gebieten, wo das Urheberrecht greift. Da jedoch argumentiert werden kann, dass es sich auch beim Vorgang des Kopierens in diesem Falle um einen originären, künstlerischen Vorgang handelt, kommt es selten zu Konflikten juristischer Art.

Appropriation Cinema

Appropriation Cinema

In der Filmkunst wird gelegentlich der Begriff Appropriation Cinema gebraucht (häufiger: Found Footage Film). Es handelt sich dabei um filmische Arbeiten, die bereits vorhandenes Filmmaterial übernehmen und manipulieren. Der amerikanische Regisseur Gus Van Sant drehte z.B. 1998 ein Remake von Alfred Hitchcocks Meisterwerk Psycho (siehe dort), das konsequent Szene für Szene des Originals nachstellt. Die Ausstattung und die Inszenierung wurden nur in manchen Szenen leicht abgewandelt. Der Film sah sich vielen Angriffen ausgesetzt; vom Kinopublikum wurde er nicht als eigenständige Leistung und daher als überflüssig verstanden. Da in der Filmbranche das Remake von Filmen ein gängiges Genre ist, ist die Situation hier anders als in der Kunst - man kann van Sants Film auch als Parodie von Remakes oder als Pastiche verstehen.

Ebenfalls mit Psycho beschäftigte sich der britische Videokünstler Douglas Gordon, der in seiner Installation "24 Hour Psycho" den Film in einer Videoprojektion auf 24 Stunden dehnte. Gordon versteht seine Arbeit als Spiel zwischen der künstlerischen Aura des Meisterwerkes und den individuellen Eingriffen und Manipulationen, die jeder Besitzer eines Videorekorders an einem Film vornehmen kann, wenn er sich meditativ oder analytisch in einzelne Bildsequenzen versenken will.

Zum besseren Verständnis

Appropriation Art ist wie viele andere Trends der Conceptual Art oft Unverständnis ausgesetzt. Die Kunst zu kritisieren, selbst mit ihren eigenen Mitteln, gilt für viele Kritiker nicht als eigenständige künstlerische Leistung. Dabei kann Appropriation Art einiges leisten: Sie kann bewusst machen, dass Kunst nicht nur das ist, was an der Wand hängt, sondern aus mehr besteht: aus dem Ausstellungsraum, dessen Aura das Kunstwerk erst zu einem solchen macht, aus dem berühmten Namen des Künstlers, der überhaupt erst interesse weckt, aus den Vorstellungen, was Kunst kann und sein soll.

Ein Beispiel: Die Künstlerin Elaine Sturtevant kopiert seit den frühen 70er Jahren Bilder berühmter männlicher Künstler der Moderne,darunter Robert Rauschenberg, Frank Stella, Andy Warhol und Roy Lichtenstein). Man kann leicht beobachten, wie unterschiedlich ein Betrachter auf ein Bild reagiert, wenn er weiß, wer der Urheber ist. Solange man glaubt, ein Original von Stella zu betrachten, beschäftigt man sich nur mit der Kunst. Erfährt man dann, dass es sich um eine Kopie von Sturtevant handelt, die einem Original von Stella bis auf den letzten Pinselstrich gleicht (oder in seiner Manier hergestellt ist), ist man mit einer verwirrenden Mischung aus widersprüchlichen Aussagen konfrontiert. Man kann zu der Überlegung kommen, welche Rolle es denn für die eigene Erfahrung beim Betrachten von Kunst spielt, zu wissen, von welchem Künstler ein Bild stammt und ob dieses Wissen nicht manchmal wichtiger ist als das Bild selbst. Man kann überlegen, ob es einen Unterschied macht, ob das Kunstwerk von einer Frau oder einem Mann stammt. War es vielleicht so, dass man Männern eher eine originelle Kunst zutraute und eigentlich annahm, dass Frauen ohnehin nur in der Lage seien, Plagiate männlicher Originale herzustellen? Diese Vorurteile über das Wesen von Kunst und Künstlern kann das Bild von Sturtevant nicht einfach aus der Welt schaffen. Es gelingt ihm aber zu zeigen, dass sie existieren und ein wesentlicher, aber meistens unbewusster Teil der Kunsterfahrung sind.

Arbeiten der Appropriation Art sind deshalb reflexive Arbeiten: Sie machen es möglich, in der Kunst selbst bestimmte Eigenarten und Traditionen der Kunstwelt zu thematisieren. Sie versucht also, eine Art "Virus" in das Kunstsystem selbst einzuschleusen. Man muss die Verwirrung, die sie erzeugen, deshalb als Leistung anerkennen. Es gelingt ihr zumindest, gewisse Annahmen über Kunst, die man für selbstverständlich hielt, zu erschüttern. Das klingt trivial, aber es ist sehr viel schwieriger, ein Kunstwerk zu produzieren, das diese Leistung selbst erbringt und in jedem Betrachter - bestenfalls - einen Denkprozess in Gang setzt, als einfach verbale Kritik zu üben. Kategorien wie Autorschaft, Originalität, Marktwert sind unbewusst Teil der Kunsterfahrung. Ästhetische Erfahrung lässt sich nicht von ihnen trennen. Es ist kaum vorstellbar, dass es eine "reine" Erfahrung geben könnte, die nicht von Vorwissen geprägt ist. Appropriation Art kann das auch nicht erreichen. Sie kann aber wenigsten dazu führen, dass diese Kategorien bewusst werden. Man kann dieses Bewusstwerden auch als Befreiung verstehen, oder als Produktion neuer Möglichkeiten und Optionen. Die Beschäftigung mit Appropriation Art kann im besten Falle dazu führen, dass man auch andere Kunst nicht mehr mit denselben Augen betrachtet wie zuvor.

Literatur

  • Jorge Luis Borges: "Pierre Menard, Autor des Quijote",in: Fiktionen. Erzählungen 1939-1944. Frankfurt/M.:Fischer 1992. ISBN 3596105811 (Fiktionale Erzählung, die um die Paradoxien von Originalität und Autorschaft kreist - lesenswert!)
  • Jörg Heiser: „Auratisches Toastbrot und Kunst vom Fließband“, Süddeutsche Zeitung 23. Februar 2004,
  • Richard Wagner: "Auf der Suche nach dem verlorenen Original. Szenen aus der unmittelbaren Unwirklichkeit", Neue Zürcher Zeitung, 21. Februar 2004,
  • Stefan Römer: Künstlerische Strategien des Fake: Kritik von Original und Fälschung, Köln: DuMont 2001. ISBN 3-7701-5532-7 (Akademische, aber lesbare Arbeit über die Kunststrategien von Louise Lawler u.a.)
  • Elaine Sturtevant, Udo Kittelmann, Lena Maculan: Sturtevant, 2 Bde., Stuttgart: Hatje Cantz 2005. ISBN 3775714855 (Katalog zur Ausstellung im MMK Frankfurt)
  • Mike Bidlo: The Fountain Drawings, New York 1999 ISBN 3-905173-43-3 (Kunstprojekt)
  • Cecilia Hausheer, Christoph Settele: Found Footage Film. Luzern: VIPER/zyklop 1992
  • Texte zur Kunst 46 (2002), "Appropriation Now!". ISBN 3-930628-44-9, ISSN 0940-9596
  • Der Schnitt 18 (2000): "Appropriating Cinema". ISSN 0949-7803

Weblinks

Siehe auch: Postmoderne | Konzeptkunst | Kunstbegriff | Autor | Original | Urheberrecht | Geistiges Eigentum | Probleme der modernen Kunst



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